Aufsatz 
Über die Abfassungszeit der Isocrateischen Friedensrede / von Euler
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in meinen Schilderungen weglassen(77 81). Die damaligen Athener erregten durch die Vertheilung von Bundesgeldern an die Kinder der im Kriege Gefallenen den Neid der Bundes- genossen, und durch die Menge der Waisen zeigten sie ihr aus der Herrschgier entsprungenes Unglück den Augen aller Fremden(82 83). Ihre Thorheit zeigten sie durch die Expedition nach Sicilien(84). Auch das Unglück in Aegypten, Cypern, Pontus, Sicilien machte sie nicht klug. So starb eine Menge alter edler Geschlechter aus(85 88). Aber gerade eine Stadt mit alten eingesessenen Bürgern ist zu loben, diese werden nicht nach Tyrannenherrschaft streben, sondern von allen geliebt werden, wie die Athener, welche zur Zeit der Perserkriege gelebt haben. Diese lebten nicht wie Räuber, bald in Ueberfluss, bald in Mangel, sondern hatten immer ihr bescheidenes Auskommen(89 90). Die Nachkommen zogen die Tyrannei vor, welche immer ein böses Ende nimmt, und auch damals genommen hat(91 92). Von uns wäre es der grösste Egoismus, wenn wir als Tyrannen glücklich leben und unsern Kindern das Elend hinterlassen wollten(93). Hieraus wollen wir lernen, dass unser Land bessere Menschen hervorbringen kann und dass diese sogenannte Herrschaft alle, die an ihr Theil haben schlechter macht(93 94).

Ebenso unheilvoll ist die Seeherrschaft den Lakedämoniern geworden; sie sind an den Rand des Verderbens gekommen(95), haben durch den aus der Seeherrschaft entspringenden Hochmuth und seine Folgen sich alle Menschen verfeindet(96) und sogar gegen ihre früheren Bundesgenossen ihr Schwert gewendet, gegen die Thebaner, den Perserkönig und die Ein- wohner von Chios(97 98). Doch das genügte ihnen noch nicht; sie stürzten die Regierungen in Sicilien, Italien, verwüsteten den Peloponnes, bis die Schlacht bei Leuktra geschlagen wurde, welche einige Leute unrichtiger Weise die Ursache des spartanischen Unglückes nennen; die wahre Ursache ihrer schlimmen Lage war ihre Verhasstheit wegen ihres übermüthigen Be- tragens, welches eine Folge der Seeherrschaft war, sodass man die Seeherrschaft als das Grundübel bezeichnen muss(99 102). Sie war daran Schuld, dass die alten Gesetze nicht mehr galten, dass die guten Sitten sich änderten. Und wie in Sparta, so waren auch bei uns die Folgen; schliesslich mussten wir die Spartaner retten, gerade so wie jene uns früher gerettet hatten. Und eine solche Herrschaft sollten wir erstreben?(103 105).

Die Schädlichkeit der Seeherrschaft ist desshalb noch nicht genügend erkannt worden, weil die meisten Menschen immer Verkehrtes erstreben, mehr das Böse als das Gute wollen, und immer besser für die anderen als für sich sorgen(106). Dies lehrt im Grossen die Ge- schichte. Durch unser Benehmen wurden die Lakedämonier gross, durch deren Haltung wir (107). Durch die Lakonisten wurden die Städte atticistisch und umgekehrt; aus der Ochlokratie entsprang 411 die Herrschaft der 400; die Tyrannei der 30 rief eine schrankenlose Demokratie hervor(108). Im Kleinen zeigt sich die Wahrheit obiger Behauptung darin, dass jeder mehr das dem Körper und der Seele Schädliche erstrebt als das Nutzbringende(109). Wenn also die Menschen im Kleinen nicht wissen, was sie thun sollen, dann kann man eigentlich in Betreff der Secherrschaft keinen vernünftigen Gedanken von ihnen verlangen(110). Ihr strebt nach derselben, obwohl ihr seht, wie grosse Gefahren sie mit sich bringt, gerade eben solche, wie die Gewaltherrschaften; sie ist ja auch im Grunde nur eine Tyrannei (111115).