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Hierüber will ich, was noch Niemand gewagt hat, reden(26), dazu bedarf es aber einer langen aus vielen Theilen zusammengesetzten Rede(27).
Alle Menschen erstreben den Nutzen, aber die Ansichten über dessen Erreichung gehen sehr auseinander, und manche treffen geradezu das Falsche(28). So ist es uns gegangen. Wir dachten durch unsere bisherige Seeherrschaft etwas auszurichten, haben aber blos Feindschaften, Kriege und grosse Ausgaben davon gehabt(29). So war es uns früher schon einmal er- gangen, darnach aber bekamen wir durch unsere Gerechtigkeit, Unterstützung der Unglück- lichen und Schonung des fremden Eigenthumes die Hegemonie von den anderen Staaten frei- willig übertragen; diese Handlungsweise verachten wir jetzt völlig(30). Einige Thoren halten sogar die Ungerechtigkeit für schändlich, aber doch im Leben nutzbringend, die Gerechtigkeit zwar für erhaben, aber unvortheilhaft,(31) ohne zu bedenken, dass zu keiner Sache etwas anderes mehr nützt als die Tugend und ihre Theile(32). Denn die, welche Gerechtigkeit üben, bringen mehr zu Stande, als die Gottlosen, sowohl schon hier, als auch nach diesem Leben(33— 34); und wenn dies auch nicht immer zutrifft, so doch in den meisten Fällen. Jedenfalls ist es thöricht, die Gerechtigkeit für besser zu halten als die Ungerechtigkeit und doch zu glauben, dass es dem Ungerechten besser gehen werde als dem, welcher Ge- rechtigkeit übt(35).
Ich möchte gerne versuchen, euch zu überreden die Tugend ebenso zu üben, wie man sie loben muss; aber das ist vergeblich, denn wir sind seit langer Zeit von den Schwätzern verdorben, welche immer sagen, wir müssten unseren Vorfahren nachahmen(36). Welchen denn? Etwa denen, die vor dem Dekeleischen Kriege die Stadt verwalteten? Wohl desshalb, damit wir dasselbe schlimme Loos noch einmal erleiden(37). Oder den Kämpfern von Marathon? Dann riethen ja diese Schwätzer gerade das Entgegengesetzte von dem, was jene thaten, beredeten uns Dinge zu thun, bei deren Erwähnung ich nicht weiss, ob ich nicht aus Furcht vor euerer Feindschaft schweigen soll, da ihr ja denen, die euch tadeln, grollt (38). Aber ich werde doch reden, da die Freunde der Stadt nicht nach dem Angenehmsten, sondern dem Nützlichsten blicken sollen; ihr aber bedenket, wie für den Kranken der Arzt, so ist für die nach Schlimmen Trachtenden die Rede vorhanden(39) und wie man schmerz- hafte ärztliche Behandlung dulden muss, um Schlimmeres zu verhüten, so muss man auch die den Schaden heilenden Redner nicht verdammen(40).
Jeder von auswärts Kommende muss uns für verrückt halten, die wir die Thaten unserer Vorfahren loben und preisen und genau das Gegentheil davon thun(41). Jene kämpften für die Griechen gegen die Perser, wir unterjochen die Griechen, und sind noch unwillig, wenn wir nicht gleiche Ehre erlangen(42) wie jene, welche selbst siegreich in den Kampf zogen, während wir zwar herrschen wollen(43) und leichtsinnig Krieg anfangen, denselben aber von unzuverlässigen Menschen führen lassen(44), über deren Schandthaten wir, statt sie zu be- strafen, nur lachen(45). Diese Leute ernähren wir, während wir hungern; und unsere Bundesgenossen geben wir preis, um diese gemeinschaftlichen Feinde der ganzen Weelt auslöhnen zu können(46). Unsere Vorfahren kämpften selbst, trot2zdem sie Geld genug hatten, wir aber sind in Noth und gebrauchen Söldner(47). Damals ruderten Sclaven und die Bürger kämpften, jetzt kämpfen Sclaven und die Bürger gehen mit Ruderkissen auf die Schiffe(48).


