Aufsatz 
Über die Abfassungszeit der Isocrateischen Friedensrede / von Euler
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Merkwürdigerweise denkt Niemand daran, dass der Frieden uns immer genützt, der Krieg immer geschadet hat. Wir führen immer lustig Krieg, als ob er sich nicht um Athen, sondern um eine fremde Stadt handelte(12); das kommt aber daher, dass ihr im Gegensatz zu euerem Verhalten im Privatleben, im Staatsleben immer euch die schlechtesten Berather nehmt, so dass es eigentlich ein Wunder wäre, wenn der Staat auf einen grünen Zweig käme(13).

Trotzdem nun in dieser Demokratie keine Redefreiheit existirt, ausser für die Thoren und schimpflicher Weise für die Schauspieler(14), will ich doch, ohne euch zu schmeicheln und um günstige Abstimmung zu buhlen, meine Ansicht sagen und zwar zuerst

1) über den von den Prytanen vorgelegten Friedensschluss und dann 2) über die sonstige Lage des Staates(15).

In Betreff des ersten Punktes schlage ich Folgendes vor:Wir mässen nicht nur mit Chios, Rhodos und Byzanz Frieden schliessen, wie einige Redner vorgeschlagen haben, sondern wir müssen den Antalkidasfrieden erneuern(16).

Wenn ich hier abbräche, würde es erscheinen, als ob ich die Stadt schwäche, da ja Theben dann widerrechtlich vieles behielte, wir aber ohne Noth vielen Besitz preis gäben; aber in der ganzen Rede werde ich zeigen, dass alles derartige unrechte Gut nicht gedeiht(17). In Betreff des Friedens will ich untersuchen, was wir in der gegenwärtigen Zeit am besten brauchen können und von da aus will ich einen Blick über das übrige werfen(18).

Sicherlich würde es uns genügen, wenn wir in Sicherheit, Wohlstand, Einigkeit und Ansehen bei den Hellenen lebten; alles dessen hat uns der Krieg beraubt(19). Wenn wir Frieden schliessen, werden wir ohne Gefahr und Unruhe leben, unser Wohlstand wird sich durch den Wegfall der Kriegslasten, durch ergiebigen Ackerbau, Schiffahrt, Handwerk(20) und die Menge der fremden Händler und Metöken heben. Besonders aber werden alle Menschen ungezwungene, freiwillige und dadurch um so treuere Bundesgenossen sein(21). Und was wir jetzt durch Krieg nicht erlangen können, wird eine blosse Gesandtschaft später bewirken. Kersobleptes würde nicht um den Chersones, Philipp nicht um Amphipolis Krieg führen, wenn sie wüssten, dass wir unsere Hände nicht nach fremden Gut ausstreckten; jetzt natürlich wollen sie uns als Nachbarn nicht haben(22). Wenn sie aber unsere Sinnesänderung sehen, werden sie uns nichts wegnehmen, sondern uns noch mehr dazu schenken, da sie dadurch für ihre eigene Sicherheit sorgen(23). Wir können dann Thrakien mit heimath- losen Hellenen kolonisiren,(Athenodorus und Kallistratus), wodurch wir gewiss besseren Ruhm gewinnen als durch Kriege und Söldnerheere(24).

In Betreff dessen, was die Gesandten verlangen ¹) soll dies genügen. Doch wir müssen meiner Ansicht nach nicht, nachdem wir bloss den Frieden beschlossen haben, von hier weg- gehen, sondern wir müssen auch berathen, wie wir seiner froh werden können, damit wir lernen, nicht nur wie wir den Krieg hinausschieben, sondern wie wir uns gründlich von ihm trennen können(25). Dies kann aber nur dann geschehen, wenn die Ueberzeugung Platz greift, dass die Ruhe besser ist, als die Vielgeschäftigkeit, Gerechtigkeit besser als Unge- rechtigkeit und die Sorge um die eigenen Angelegenheiten besser als das Streben nach Fremdem.

*) Vergl. Benseler z. d. St.