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„ein äusserst lästiger Kriegszustand“ ausgebildet. Während dieses Kriegszustandes habe Isocrates volle Musse gehabt, seine Rede, die er auf die Nachricht von dem ersten Zerwürf- niss mit Chios begonnen habe, auszufeilen. Diese Annahme Onckens passt zu directen An- gaben der Rede nicht, wie wir schen oben S. 6 gezeigt haben.
Fassen wir die bis jetzt gewonnenen Resultate kurz zusammen.
1) Die Volksversammlung, in welcher unsere Rede gehalten sein will, muss während des Krieges stattgefunden haben.
2) Der Krieg muss schon einige Zeit gedauert haben.
3) Die Stimmung des Volkes ist dem Frieden ungünstig.
4) Das Nichterwähnen der traurigen Ereignisse des Bundesgenossenkrieges sowie der Anklage gegen Timotheus verbietet uns die fingirte Zeit der Rede kurz vor Schluss des Friedens 355 anzusetzen.
5) Amphipolis ist schon von Philipp erobert.
6) Der fingirte Zeitpunkt ist nicht massgebend für die Feststellung der Zeit der Abfassung und Veröffentlichung.
Die fingirte Situation müssen wir also nicht in die Zeit des Krieges legen, in welcher der Kriegsmuth des athenischen Demos geschwunden war, also nicht an das Ende des Krieges; ebenso wenig aber ganz in den Anfang; da schon traurige Erfahrungen gemacht und die Misserfolge der Athener recht bedeutend gewesen sein müssen. Warum beutet aber Isocrates diese Misserfolge nicht rhetorisch aus? Sie hätten gewiss am besten die Nothwendigkeit Frieden zu schliessen ad oculos demonstrirt. Die Andeutungen über den Termin in der Rede selbst sind äusserst vag und so allgemein gehalten, dass von einer genauen Bestimmung des- selben Abstand genommen werden muss. Wodurch erklärt sich diese Unbestimmtheit?
Diese Fragen führen uns dazu näher zu bestimmen, was denn Isocrates mit der Friedens- rede eigentlich will. Wir lassen desshalb eine eingehendere Inhaltsangabe folgen.
„Wir wollen berathen über das, was im Measchenleben am wichtigsten ist, nämlich über Krieg und Frieden: worüber die guten Rathgeber am besten entscheiden können(1—2). Ihr aber nehmt immer die Schmeichler als Berather(3) im Staate, während ihr es doch im Privatleben nicht thut(4). Desshalb, weil ihr es gerne hört, haben auch die meisten Redner zum Krieg gerathen(5). Sie spiegeln euch vor, ihr bekämet dadurch euere frühere Macht wieder; die Friedensredner rathen euch, statt ungerecht alles zu begehren, euch mit dem Vorhandenen zu begnügen(6), was gewiss sehr schwer ist, da die Gier immer mehr zu besitzen stets wächst; es ist Gefahr vorhanden, dass wir dieses Begehrens uns schuldig machen(7). Den guten Erfolg ihres Rathes sehen diese Kriegsredner als sicher an, aber ein kluger Mann muss nur berathen über etwas, dessen Ausgang er noch nicht weiss(8), ihr aber, statt dass ihr aus Allem das Beste aussucht, wollt, gleich als ob ihr schon entschlossen wäret, wie ihr stimmen wollt, nur die hören, die euch nach dem Munde reden(9). Ihr müsst aber gerade die Gegner hören, denn eure Gesinnungsgenossen können euch leicht täu- schen(da die Schmeichelei den Verstand verdunkelt)(10), während die Gegner euch keinen Rath annehmbar machen können, ohne euch das Nutzbringende desselben vor die Augen gestellt zu haben; desshalb pflegen alle gescheidten Leute immer beide Theile anzuhören(11).
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