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habe, nimmt aber zugleich an, dass zwischen dem Anfang der Bearbeitung und der Vollendung der Rede ein grösserer Zeitraum liege, so dass die Rede erst dann der Oeffentlichkeit über- geben sei, als schon der Krieg begonnen hatte. Diese Ansicht, Isocrates habe seine Mit- bürger vor dem Kriege warnen wollen, weil er den unglücklichen Ausgang vorausgesehen habe, ist meines Erachtens gänzlich unhaltbar. Ein Mann, wie Isocrates, der dem Staatsleben völlig entfremdet in seinen vier Wänden lebte, der so wenig„politische Witterungskunde““ besass, der in seinem ganzen Leben nicht einen einzigen greifbaren politischen Vorschlag gemacht und seine Unfähigkeit Dinge des praktischen Staatslebens zu beurtheilen— man könnte sagen— glänzend dargethan hat,— ein solcher Mann soll seine Mitbürger vor dem Kriege gewarnt haben, weil er vorausgesehen habe, dass der Krieg unglücklich ausgehen werde!
Christian a. a. O. nimmt als Zeit der Abfassung das Jahr 358 an, ehe der Bundes- genossenkrieg begonnen hatte,„als nach dem Abfall jener Inseln und Städte die Frage in Athen zur Entscheidung gekommen war, ob man sie durch Krieg zu ihrer früheren Abhängig- keit zurückbringen, oder durch einen Frieden, welcher ihnen Abschaffung des Druckes und eine gerechte Behandlung sicherte, dem Staate erhalten solle.“ Dieser Ansatz ist nach den oben angeführten Stellen aus der Rede selbst unhaltbar.
Oncken fasst a. a. O. S. 150 das Ergebniss seiner Untersuchungen dahin zusammen: „Die Abfassung der Rede über den Frieden fällt in die Zeit, welche zwischen diesem Angriff(d. h. dem des Chares auf Chios) und der vollendeten Heeresrüstung der Athener zur Unterstützung des Chares liegt; als Ausgangspunkt nimmt der Redner diejenige Versammlung, in welcher das athenische Volk beschloss, die Sache seines Feldherrn zu der seinigen zu machen und spricht die Erwägungen aus, welche die Friedenspartei(die Gelehrten, Künstler, Geschäftsmänner u. s. w.) beschäftigen mussten, als zwar noch nirgends eine entscheidende Schlacht geschlagen war, aber die kostspieligen Rüstungen einerseits, die Störung der Geschäfte und des Handelsverkehres andererseits, zur raschen Beilegung der Feindseligkeiten zu rathen schienen, ehe ein Zurückgehen ohne Schimpf unmöglich geworden war.“— Sehen wir uns Onckens Beweisführung etwas genauer an.
Oncken polemisirt gegen Benseler, welcher der Ansicht ist, dass die Rede nach dem Friedensschlusse im Jahre 355 erschienen sei. Auf S. 116— 126 sucht er letzteren aus„den Worten der Rede“ und aus den Stellen, welche von der Stimmung in Athen zu der Zeit reden, in welcher die Rede als gehalten gedacht wird, zu widerlegen, S. 127— 134 will er daraus, dass„Benselers Ansicht nicht durch die Erwähnung eines einzigen Ereignisses aus dem Sonderbundskriege erhärtet werden kann“ sowie aus der„Nichterwähnung einer That- sache(Timotheus' Anklage) im Zusammenhange mit ausdrücklichen Angaben des Redners selbst“ beweisen, dass die Rede nicht im Jahre 355 geschrieben sein könne.“— Vor allen Dingen muss festgestellt werden, dass Oncken die Auffassung Benselers gar nicht richtig ver- standen hat, und zwar theilweise infolge eines sinnentstellenden Druckfehlers. Benseler sagt in der Einleitung S. 197.„Dieser, d. h. der Friedensschluss war, wie es scheint, bereits erfolgt, als die Rede erschien.“ Die Abfassung der Rede legt er kurz vor den wirklichen Friedens- schluss und sagt demgemäss S. 200„Die Rede nahm„den mit den Bundesgenossen zu schliessenden und nach den angeführten Stellen so gut wie abgeschlossenen(also vor der


