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punkt, zu welchem er seine Rede auszuarbeiten begann, und der Vollendung gewöhnlich ein nicht unbeträchtlicher Zwischenraum liegt. So soll Isokrates am Panegyrikus 10 Jahre gear- beitet haben(Blass S. 232 f.) Natürlich verschieben sich während eines solchen Zeitraumes die Verhältnisse, es ändern sich die Ansichten des Schreibenden selbst, ganze Partien müssen umgearbeitet werden, wie z. B. im Panegyrikus. ¹) Allerdings hat eine theilweise Umarbeitung bei einer Rede, welche wie der Panegyrikus nicht direkt durch ein einzelnes politisches Ereigniss veranlasst wurde, wenig zu sagen und nimmt auch den Rathschlägen insofern nichts von ihrem Werthe, als diese ja überhaupt nicht gut zu spät kommen konnten. Anders ist es mit solchen Reden, welche wie der Plataikus und die Friedensrede auf politische Tagesfragen Bezug nehmen. Auf die betreffenden Verhandlungen in der Volksversammlung konnten diese Reden keinen Einfluss mehr haben, da Isokrates in so kurzer Zeit(vergl. besonders den Plataikus) keine Rede ausarbeiten konnte und von praktischem Gesichtspunkt aus betrachtet sind sie deshalb ganz überflüssig. Ja selbst wenn sie noch vor den Verhandlungen heraus- gegeben wären, würden sie von keiner Bedeutung für die Entscheidung der betreffenden politischen Lage gewesen sein, da Niemand in Athen hinter den Prunkreden des lsocrates etwas anderes suchte als ein rednerisches Kunstwerk. ²) Interessant und für die Ansichten der eigenen Schüler des lsocrates bezeichnend ist eine Aeusserung im Philippus(§ 4), wo Isocrates von der Rede über den Krieg um Amphipolis, welche nicht vollendet wurde, Folgen- des sagt:„Und darüber schien ich den Zuhörern mich auf eine Weise zu verbreiten, dass keiner von ihnen die Art der Darstellung und den Ausdruck lobte, dass er so gewählt und rein sei, wie es gewöhnlich Einige machen, sondern dass sie die Wahrheit des Inhalts bewunderten und glaubten, dass ihr mit euerer Streitsucht auf keine andere Weise aufhören würdet, als wenn u. s. w.“ Isocrates hält es also für bemerkenswerth, wenn alle seine Schüler, statt auf den sprachlichen Ausdruck zu sehen, die Wahrheit des in der Rede Niedergelegten anerkennen. Einige derselben pflegten demnach an den Reden bloss die äussere Form für wichtig zu finden, ein Resultat, welches den Isocrates sicherlich nicht zu erfreuen im Stande gewesen sein wird. Und wenn schon unter den eigenen Schülern des Isocrates rıινεςι εκαμραιν τοωντο τοοαεμνν(nämlich nur den sprachlichen Ausdruck zu loben), wie sollten die Staatsmänner dazu kommen diese Kunstreden für praktisch wichtig zu halten!
Nach diesen einleitenden Bemerkungen wollen wir uns zu der Frage nach der Abfassungs- zeit der Friedensrede wenden und zuerst untersuchen, welche fingirte Situation der Rede zu Grunde liegt.
Wir belinden uns in einer athenischen Volksversammlung, in welcher über Krieg und Frieden berathen wird. Es handelt sich um die abgefallenen athenischen Bundesgenossen um Chios, Rhodos und Byzanz(§ 16). Verschiedene Redner sind schon aufgetreten,(§ 65) die Mehrzahl(§ 5) hat zum Kriege gerathen und ist desshalb vom kriegslustigen Demos auf- merksam angehört worden(§ 3), nur wenige(§ 5) empfahlen den Frieden und brachten auch einen diess bezweckenden Antrag ein(§ 16). Natürlich wurden sie, weil sie 82*) Vergl. Engel, de tempore, quo divulgatus sit Isocratis Panegyrikus, Stargard 1861, und Blass
. 230, 2.
²) Vergl. V, 10 ff.; 125 ff. und bes. XII, 246, 260; XV, 55; Schröder, quaestiones Isocrateae duo, Traj. ad Rh. 1859 führt S. 129 f. die Ansichten von Cicero, Quintilian und Dionys v. Haelic, an.


