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Mittler des Heils und Reſtaurator des kränkelnden Daſeins, als das Wunder der Wunder, als die ratio rationalissima, als der Logos; ſein Wunderleben und Wunder⸗ wirken wird erkannt als nur graduell von unſerm alltäglichen Leben und Wirken ver⸗ ſchieden, und es wird einleuchtend, wie uns damit zugleich das himmliſche Ziel der Vollendung zur freien Erſtrebung vorgeſtellt iſt, zu welchem Ende eben, da die Zeit erfüllet war, das Wort im Fleiſche erſchien. Iſt einmal dieſe Ueberzeugung erkämpft, wie ſie einſt kindlich auf Autorität hin adoptirt worden war, lebt ſich vielleicht auch nur erſt als Ahnung und wiſſeenſchaftliches Vorgefühl auf im beginnenden Praktiker der Kirche(im ſpäteren Alter wird ſie ſelten, ſelten neu erſt errungen); o dann wird's immer leichter und verſöhnter im wiſſenſchaftbewußten Geiſte, wohlthuender Friede kehrt in das Gemüth ein, die Luſt am evangeliſchen Amte ſlammt immer höher auf, denn mit dem Wort der Evangeliſten und Rpoſtel, mit dem kindlichen Volksglauben zugleich ſieht man ſich im Einklange; die heilige Hochachtung vor der Sache, die man treibet und der man das Leben geweiht hat, mehrt ſich ſtets wohlthätiger, weil man gewiß geworden, daß ſie jedwede Kritik beſteht und über alle Kritik iſt; mit dem Meiſter weiß man ſich im reinen Bunde, und das reiche, obſchon dehmüthige, Selbſtgefühl, ein Apoſtel Jeſu Chriſti zu ſein, beſeeligt das Leben. Von dieſem durch jugendlichen Wiſſenſchaftseifer vermittelten Siege über die Aergerniß an Chriſto wiſſen alle ausge⸗ zeichneten Männer des evangeliſchen Amtes und alle hervorragenden Größen der chriſt⸗ lichen Kirche von jeher mit ſeeliger Rührung zu erzählen; in der kampfgerüſteten Zeit feuriger Jugend wird jener Sieg in der Regel errungen.— Das iſt um ſo weniger zu verwundern, weil ja grade im jugendlichen Alter auch das Gemüth noch mit ſei⸗ nen gemüthvollen phantaſiereichen Schwingungen eine weſentliche, ich möchte ſagen prä⸗ valirende, Rolle im Seelenleben behauptet. Im reiferen Alter gelangt regulär der kalte, berechnende Verſtand zu prädominirendem Einfluſſe. Beim Beginne der evan⸗ geliſchen Amtsführung ſteht alſo das empfängliche Herz noch allen jenen gemüthlich⸗ erhabenen, überwältigenden Eindrücken offen, welche die Himmelsgeſtalt des Erlöſers auf jede kindliche, unverdorbene Seele ausübt. Jene ſittliche Größe und Seelenſtärke, jene übermenſchliche Kraft der Seelbſtverläugnung, jene äſthetiſche Geſtalt eines Herrn über jegliches Uebel pſychiſcher und phyſiſcher Art; das alles, wie es das Leben Jeſu darſtellt, findet in der Bruſt voll Frühlingsathem noch einen tiefen Anklang. Da wird


