Aufsatz 
Nachträge zu der Biographie des Jacob Micyllus
Entstehung
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öffentlichen Vorlesungen, zu deren täglicher Abhaltung sie verpflichtet waren, nähere Nachrichten aufzufinden vermöchten. Schwebte den Vätern unsrer Stadt das Beispiel so vieler Städte Italiens vor, welche schon seit lange wetteiferten, die berühmtesten Gelehrten, wenn auch vorübergehend, in ihre Mauern zu ziehen, um Allen, die an Bildung Theil nahmen, die Gelegenheit eines edlen Genusses und einer über das Gewöhnliche hinausgehenden Belehrung zu verschaffen?*) Dachten sie an die anregende Wirksamkeit eines Konrad Celtes, eines Rudolph Agrikola, eines Johann Wimpheling, welche durch ihre humanistischen Vorträge an manchen Orten in Deutsch- land den Samen eines frischen Geisteslebens ausgestreut hatten, und hofften sie in Frankfurt Aehnliches durch Nesen und Micyllus zu bewirken? Ich glaube, dass an eine derartige Absicht nach den deutlichen Worten unserer Urkunden gar nicht zu zweifeln ist. Was für andre öffentliche Vorträge konnten Männern zugemuthet werden, die die Kunst, Latein zu lehren, ausdrücklich als die ihrige nannten, als über alte Litte- ratur, und in welchem andern Geiste konnten diese von Schülern des Erasmus und Melanchthon erwartet werden, als im entschiedenen Gegensatze zur Scholastik, die bis- her diese Studien und das Schulwesen in ihrem Bann gehalten hatte? Wenn sich diese Auffassung und Auslegung der merkwürdigen Notiz unsrer Urkunden aus einer allgemeinen Betrachtung der Zeitverhältnisse als wahrscheinlich ergibt, so halte ich es für eine ungemein glückliche Interpretation einer andern handschriftlichen Nachricht, durch welche Herr Pfarrer Dr. Steitz in seiner neuesten trefflichen Schrift: Die Melanchthons- und Luthers-Herberge zu Frankfurt a. M. Neujahrsblatt des Vereins für Gesch. u. Althk. 1861. S. 64 für jene Ansicht einen urkundlichen Beleg entdeckt hat. In den Acta Ecclesiastica des Ministeriums Tom. I. S. 43 findet sich nämlich aus dem Ende des 16. Jahrhunderts folgende Aufzeichnung:

Nota. Ex schedula D. Matthiae Ritteri p. m. Post electionem Caroli V. postero anno, 1520 Nesenus ante Comitia Wormatiensia venit Francofurtum, vocatus a Senatu, missus ab Erasmo. Fuit is praefectus scholae Patriciorum; discipuli ejus fuerunt Furstenberger, Jacob Neuhausen. Author Haman ab Holtzhausen, ne ad Papistas deficerent.

*) Ein sehr lebendiges Bild dieses im Laufe des 15. Jahrhunderts alle Theile Italiens durch- dringenden Eifers in seinen herrlichsten Geistesblüthen, wie in seinen unwürdigsten Verirrungen gibt G. Voigt, Die Wiederbelebung des classischen Alterthums oder das erste Jahrhundert des Humanis- mus. 1859. Treffend und fruchtbar ist die Bemerkung S. 395:Der deutsche Humanismus und der italienische haben Vieles gemeinsam, aber in einem Puncte weichen sie auffällig aus einander: die Frucht der classischen Studien war in Italien ein religiôser Indifferentismus, ja ein heimlicher Krieg der Ungläubigkeit gegen Glauben und Kirche, in Deutschland dagegen erwecken sie gerade eine neue Regsamkeit auf den Gebieten der Theologie und des kirchlichen Lebens.