Aufsatz 
Moses Mendelssohn. Eine Schulrede
Entstehung
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VII

an ſeinem uralten Bekenntnis, treu dem Glauben der Väter, unter dem Schutze des gleichen Rechtes mit allen Bürgern des Staates, in der Entfaltung und Bewährung ſeiner Kraft auf allen Gebieten menſch⸗ licher Thätigkeit, in der Erfüllung ſeiner Pflicht gegen König und Vaterland, im Krieg und im Frieden, entſchloſſen, der Verkennung und Mißachtung, welche eingewurzeltes Vorurteil ihm hie und da noch bereiten, nicht durch zornige Worte, ſondern durch ernſte Arbeit an ſich ſelbſt, durch ſtrenge Pflichterfüllung entgegenzutreten und ſeine Ebenbürtigkeit durch die That zu bewähren.

Wie ſollten wir heute nicht freudig und dankbar dem Genius des Mannes huldigen, der aus der Enge uns in die Freiheit geführt, der zu ſo hohen, menſchenwürdigen Zielen uns die Vorbedingungen geſchaffen, uns die Bahn geöffnet und die Wege gewieſen hat!

In der That, wenn wir heute die geſamte Wirkſamkeit Moſes Mendelsſohns überblicken, ſo müſſen wir ſagen: So groß auch ſeine Bedeutung als deutſcher Schriftſteller und Philoſoph geweſen iſt, un⸗ gleich größer ſind ſeine Verdienſte um uns, ſeine Glaubensgenoſſen. Darum wird zwar heute ſeine Stellung in der deutſchen Litteratur nicht minder gewürdigt als vor hundert Jahren, wie ſchon Goethe ſelbſt ſie gebührend hervorgehoben hat. Die litterarhiſtoriſche Forſchung unſerer Zeit hat nicht verfehlt, ihm die Stelle einzuräumen, welche er unter den Männern einnimmt, die unſere große klaſſiſche Litteratur⸗Epoche vorbereitet haben. Aber es konnte nicht anders ſein, als daß, nachdem der, wie Mendels⸗ ſohn ihn nennt, alles zermalmende Kant mit ſeinerKritik der reinen Vernunft dem ſpekulativen Denken neue Bahnen gewieſen hat, der Philoſoph Moſes Mendelsſohn dieſem Giganten gegenüber in ſeine achtungswerte, aber beſcheidene Stellung zurücktrat und daß, nachdem in den zwei Jahrzehnten nach Mendelsſohns Tode Schiller und Goethe unſere Litteratur auf eine ungeahnte Höhe emporgehoben, den Schriftſtellern der Aufklärungsperiode ein geringeres Maß der Beachtung geblieben iſt. Als lebendig wirkender deutſcher Schriftſteller hat Moſes Mendelsſohn die Bedeutung nicht mehr, welche er vor hundert

Jahren hatte. Aber ſeine Einwirkung auf ſeine Glaubensgenoſſen tritt heute klarer hervor als damals und wird erſt jetzt richtig gewürdigt; ſie iſt, weltgeſchichtlich betrachtet, das Bleibende und Unvergängliche an ihm.

Eben dieſe Verdienſte um uns, ſeine Glaubensgenoſſen, ſind es, die zu vergegenwärtigen der Feier dieſer Stunde nicht unangemeſſen ſein mag und die ich insbeſondere Euch, meine lieben Schüler und Schülerinnen, darlegen möchte.

Gutes und Großes haben immer nur diejenigen zu wirken vermocht, die, bei ſich ſelbſt anfangend, von Jugend auf darauf ausgegangen ſind, ſich in ernſter Arbeit, ſtreng gegen ſich ſelbſt, gut und tüchtig zu machen. Das Leben Moſes Mendelsſohns beſtätigt eindringlich dieſe Wahrheit.

Moſes Mendelsſohn iſt nicht etwa darauf ausgegangen, ein berühmter deutſcher Schriftſteller und ein Reformator und Befreier ſeiner Glaubensgenoſſen zu werden. Das lag ſeinem beſcheidenen Sinn ganz fern. Er fing bei ſich ſelbſt an, er wollte ſeinen eigenen Wiſſensdurſt befriedigen, ſeinem Drang nach Erkenntnis genügen, er wollte ſeine eigene moraliſche Kraft ſtärken, ſich ſelbſt ſittlich vervollkommnen. Und weil er dieſes von ſeiner Kindheit an mit reiner Hingebung, immer ſich ſelbſt treu, gethan hat, darum hat er nicht bloß für ſich erreicht, was er erſtrebt hat, ſondern es war ihm, bei den Gaben, die ihm Gott verliehen, beſchieden, eine große Miſſion zu erfüllen.

Sehen wir, wie das geſchehen iſt!.

Moſes, der Sohn des Lehrers und Thorarollen⸗Schreibers Mendel zu Deſſau, wurde ſehr früh in der Thora und im Talmud unterrichtet. Die Talmud⸗Jünger in jener Epoche waren in der heiligen Schrift ſelbſt in der Regel nur wenig bewandert; grammatiſche Kenntniſſe fehlten ihnen ganz. Moſes