———————
— Gxx—x—
—öö—————
VIII
aber erlangte durch die ihm naheliegende Hilfeleiſtung bei der Beſchäftigung ſeines Vaters früh, neben talmudiſcher Gelehrſamkeit, auch eine gründliche Kenntnis des bibliſchen Urtextes und grammatiſche Kenntniſſe.
Das Geheimnis der wunderbaren Erhaltung des jüdiſchen Stammes liegt, wie Ihr ſelbſt wohl ſchon bei dem Unterricht in der jüdiſchen Geſchichte erkannt haben werdet, neben anderem auch darin, daß in ihm auch in den trübſten Zeiten das geiſtige Leben niemals erloſchen iſt. Es war nichts Ge⸗ ringes, daß auf dem Boden des Judentums im Mittelalter, zumal in der ſpaniſch⸗arabiſchen Epoche philoſophiſche Werke entſtanden waren, welche zu den hervorragendſten Schöpfungen des menſchlichen Geiſtes gehören. Bornehmlich durch eines dieſer Werke wurde der wunderbar begabte Knabe in die Philoſophie eingeführt, durch das berühmte Buch des Maimonides„der Führer der Irrenden.“
Als der vierzehnjährige arme, verwachſene, unanſehnliche, aber geiſtig frühgereifte Knabe ſeinem nach Berlin berufenen Lehrer folgend nach der preußiſchen Hauptſtadt wanderte, hatte er, von ſeinen talmudiſchen und überhaupt von ſeinen jüdiſchen Kenntniſſen abgeſehen, durch das Studium der religionsphiloſophiſchen Schriften des jüdiſchen Mittelalters ſich bereits eine philoſophiſche Bildung angeeignet. Im Keime war in ihm damals ſchon vorhanden, was ſpäter ſich entwickelte. Seine Neigung zur Philoſophie war bereits entſchieden, als er in Berlin deutſch und bald auch lateiniſch leſen lernte, und es iſt nicht zufällig, daß die erſten Bücher, die er in dieſen Sprachen las, philoſophiſchen Inhalts waren. Aber allerdings eröffneten ſich dem unendlich wißbegierigen, begabten und von Jugend auch dialektiſch geſchulten Jüngling, als er, raſch fortſchreitend, auch das Franzöſiſche und Engliſche erlernte und in die geſamte neuere philoſophiſche Litteratur eindrang, eine neue Welt.
Will man Mendelsſohn begreifen, ſo muß man ihn im Zuſammenhang mit dem ganzen jüdiſchen Leben in jener Epoche erfaſſen. Nicht bloß, daß er mit ſeiner Ethik, mit ſeiner ganzen ſittlichen Lebens⸗ anſchauung im Judentum wurzelt, ſeine ganze Lebensführung und Lebensthätigkeit entſpricht in ihren Grundzügen derjenigen wißbegieriger junger Männer und talmudiſch gebildeter Hausväter früherer Zeiten. Der junge Moſes that in Berlin zunächſt nichts anderes, als was er in Deſſau gethan hatte, nur that er es bald mit anderen, mannigfacheren, reicheren Mitteln. So univerſell ſeine Bildung wurde, der feſte Punkt, auf dem er ſtand, blieb die reine Gotteslehre, das Geſetz und die Sittenlehre des Judentums. Er wurde nicht Rabbiner, ſo wohl ausgerüſtet er auch für ein ſolches Amt war; es konnte ihm nicht in den Sinn kommen, ein öffentliches Lehramt zu ſuchen; er wurde Hauslehrer, dann in ſeinem einundzwanzigſten Lebensjahre Buchhalter in einer Seidenfabrik, endlich, immer in demſelben Hauſe, Teil⸗ haber des Geſchäfts. Den weitaus breiteſten Raum ſeiner Thätigkeit nahmen die kaufmänniſchen Geſchäfte ein; nur in den Morgenſtunden oder in ſonſt knapp gewonnenen Zwiſchenſtunden opferte er den Muſen. In dieſer Weiſe, in dieſer Teilung der Arbeit zwiſchen der Sorge für den Erwerb und der wiſſen⸗ ſchaftlichen Thätigkeit, lebten damals und bis an unſere Zeit heran viele jüdiſche Hausväter. Mendels⸗ ſohn unterſchied ſich von ihnen nur darin, daß er nicht wie die meiſten andern bei den Talmudſtudien allein ſtehen blieb, ſondern ſich ſogleich auf die Höhe der Zeitbildung erhob in einer Weiſe, die ihn nach und nach mit den wirkſamſten Schriftſtellern der Epoche in die engſte Verbindung brachte.
Indem er nun ſo in unabhängiger Stellung, wie er ehedem in Deſſau, nach der Vorſchrift des Judentums, dem Studium der Thora um ihrer ſebſt willen oblag, jetzt in Berlin den Wiſſenſchaften um
keines äußern Nutzens, ſondern lediglich um ihrer ſelbſt willen, in dem unabweisbaren Drange nach Erkenntnis
und Wahrheit oblag, kam ihm die Gunſt der Umſtände in ganz außerordentlicher Weiſe zu ſtatten. Man liebt es, in den Lebensbeſchreibungen Mendelsſohns die Widerwärtigkeiten hervorzuheben, mit denen er zu kämpfen hatte: ſeine Armut, ſeine Gebrechlichkeit, die gedrückte Lage, die mißachtete


