Aufsatz 
Moses Mendelssohn. Eine Schulrede
Entstehung
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VI

die mit ſchwärmeriſcher Verehrung zu dem Meiſter aufblickten, aber es war überall, auch hier in unſerer Gemeinde, ein kleiner, faſt verſchwindender Teil der israelitiſchen Bevölkerung. Mochte der Name Moſes Deſſau auch allen bekannt ſein, ſo war man doch weit entfernt, ihn nach Gebühr zu würdigen. Gefliſſentlich hielte man in ſehr vielen jüdiſchen Häuſern ſeine Pentateuchüberſetzung fern, wie etwas, was doch zur Abweichung von dem Hergebrachten verleiten könnte; ja, es iſt geſchehen,

daß man, bald nachdem ſie im Druck erſchienen war, von den Kanzeln herab davor warnte und verbot,

ſich ihrer zu bedienen.

Wie ſehr haben ſich die Zeiten gewandelt! Schon als vor nun bald 57 Jahren ſein hundertſter Geburtstag wiederkehrte, war man des Segens inne geworden, der von ihm ausgegangen iſt, vereinigte man ſich, wie in einer großen Anzahl isr. Gemeinden, ſo auch hier in unſerer Gemeinde und insbeſondere in unſerer Schule, um Mendelsſohns Andenken zu feiern.

Seitdem iſt die Schar ſeiner Verehrer gewachſen. An manchen Orten iſt es Sitte geworden, alljährlich in regelmäßiger Wiederkehr durch beſondere, auf Belehrung abzielende Veranſtaltungen ſein An⸗ denken zu erneuern. In Schrift und Wort ſucht man der Jugend ſein Leben und Wirken nahe zu bringen, und die Art, wie in dieſen Tagen in Deſſau unter Teilnahme des Landesfürſten und ſonſt in faſt allen israelitiſchen Gemeinden Deutſchlands, in den Gotteshäuſern, Schulen und in freien Vereinigungen die Säkularfeier begangen wird, die Thatſache, daß von denſelben Kanzeln herab, von denen vor mehr als hundert Jahren vor ſeinen Schriften gewarnt wurde, er jetzt als unſer Wohlthäter geprieſen wird, drückt es am deutlichſten aus, wie mit dem Fortſchritt der Zeiten die Erkenntnis deſſen gewachſen iſt, was er vor allem ſeinen Glaubensgenoſſen geweſen iſt.

Es iſt eine immer von neuem ſich beſtätigende Wahrheit, daß hiſtoriſche Perſönlichkeiten ſelten von Zeitgenoſſen ganz erkannt und gewürdigt werden. Dieſe neigen je nach dem Standpunkt, den ſie ein⸗ nehmen, zur Überſchätzung oder auch zum Gegenteil. Erſt wenn ſie in eine gewiſſe Entfernung gerückt ſind, wenn wir die Möglichkeit haben, die von ihnen nach allen Richtungen hin ausgegangenen Wirkungen zu beobachten, erſt dann ſind wir imſtande, ſie richtig zu beurteilen.

Wer möchte wohl mit unſeren Vorfahren vor hundert Jahren hadern, daß ſie Moſes Mendelsſohn nicht ganz würdigten! Noch wohnten ſie damals abgeſondert, noch war ihr Geſichtskreis durch die engen Schranken des Ghetto begrenzt; noch bedrückten ſie die Laſten der Stätigkeit, noch entehrte ſie in deutſchen Landen die Schmach des Leibzolls. Die Knechtſchaft beengte den Geiſt, man konnte von ihnen in Bezug auf Moſes Mendelsſohn ſagen, was von den Kindern Israels geſchrieben ſteht:Sie hörten nicht auf Moſes wegen der Kürze des Odems und harter Arbeit. Welche gerechte, geſchichtliche Betrachtung vermöchte es, heute jene Rabbiner zu tadeln, welche das Leſen der Mendelsſohnſchen Pentateuch⸗über⸗ ſetzung verboten haben? Es war der Scharfblick und das Angſtgefühl der Liebe, welches jene Männer trieb; es war die Ahnung, daß mit dem Eintritt in die moderne Bildung manches von den Juden auf⸗ gegeben werden müßte, was ihnen unantaſtbar und heilig ſchien; es war die Ungewißheit deſſen, was daraus weiter entſtehen könnte; es war die Furcht, daß mit der häßlichen Schale auch der gute Kern hinweggeworfen werden könnte. Im Übergang der Zeiten, als die Morgenröte einer neuen Zeit herein⸗ brach, ſtand man gleichſam wie in einem Wolkennebel. Heute freilich iſt es anders. Die Wolken haben ſich geſchieden; jetzt erkennen wir, welcher Segen uns durch ihn geworden. Verſchwunden iſt die Ein⸗ ſeitigkeit des Unterrichts und der Erziehung in Schule und Haus; denn längſt gefallen ſind die Schranken des Ghetto, der Geſichtskreis hat ſich erweitert, ſeit Generationen ſchon nährt und kräftigt ſich die israe⸗ litiſche Jugend an dem Borne deutſcher Bildung, wetteifert der Jude, mit voller Üüberzeugung feſthaltend