18 Hervortreten Othos würde sich der Schriftsteller mit einem kurzen Hinweis darauf begnügt haben. Neros Verbindung mit Poppaea war von einer so weittragenden Bedeutung, daſs die näheren Umstände, die sie begleiteten, unbedingt nicht mit Stillschweigen übergangen werden konnten. So berichtet denn auch Tacitus in den Annalen(XIII. 45 und 46) in eingehender Weise über diese Dinge, aber, was wohl auch nicht ohne Bedeutung ist, im Anschluſs an eine andere Quelle als die in dem ersten Buche der Historien von ihm benutzte. ¹
Können demgemäſs die Geschichswerke des Cluvius und des Plinius und, dürfen wir hinzufügen, des Fabius Rusticus und anderer Schriftsteller, die Tacitus für die neronische Zeit vorgelegen haben, als Hauptquelle der plutarchischen Biographien und der ersten Bücher von Tacitus Historien nicht mehr in Betracht kommen, so bleibt von den bei Tacitus wenigstens für die vitellianische Zeit namentlich angeführten Gewährsmännern nur noch einer übrig, Vipstanus Messalla, bekannt als eine der Hauptpersonen in Tacitus Dialog. Im Jahre 69 machte er noch sehr jung(hist. IV. 42 zum Jahre 70: magnam eo die pietatis eloquentiaeque famam Vipstanus Messalla adeptus est nondum senatoria aetate ausus pro fratre Aquilio Regulo deprecari) als Tribun und Führer der siebenten Legion(Claudiana) den Krieg Vespasians gegen Vitellius mit(hist. III. 19): legioni tribunus Vipstanus Messalla praerat claris maioribus, egregius ipse et qui solus ad id bellum artes bonas attulisset, wie es mit hoher Anerkennung heiſst. Er sucht den Legaten Aponius Saturninus vor der Wut der Soldaten zu schützen(III. 11) und nimmt an der Schlacht von Cremona teil(III. 15); später im Jahre 70 verteidigt er Aquilius Regulus im Senat(V. 42). Als Gewährsmann wird Messalla von Tacitus zweimal angeführt, beide Male für Einzelheiten aus dem nächt- lichen Kampfe zwischen Vitellianern und Flavianern(III. 25) und dem Angriffe auf Cremona (III. 28). Mit beiden Stellen müssen wir uns eingehender beschäftigen. Vorher aber mag eine Ansicht kurz zurückgewiesen werden, zu deren Verfechter sich Eckstein(proleg. in Taciti dialogum, S. 17) gemacht hat: Messalla habe gar kein Geschichtswerk geschrieben, sondern die oben erwähnten Dinge Tacitus auf mündlichem Wege mitgeteilt. Wenn Eckstein behauptet, der Ausdruck auctor(III. 25 auctore Vipstano Messalla) werde von Tacitus nicht für einen Schriftsteller gebraucht, so hat schon Clason(a. O. S. 88) unter Vergleichung verschiedener Stellen in Tacitus Schriften, wo auctor unzweifelhaft von Geschichtschreibern gesagt ist, diese Behauptung als eine irrige erwiesen. Dagegen hat man meistens angenommen und so auch Nissen(a. O. S. 529), Messalla habe die Zeiter- eignisse nur behandelt, insoweit er persönlichen Anteil an ihnen hatte, also zunächst den Feldzug des Donauheeres und die Schlacht von Cremona, und zwar„entweder in seinen Memoiren oder, was bei der Jugend des Verfassers angemessener erscheint, in einer historisch-politischen Broschüre“. Betrachten wir nun die erste Stelle, an der Messalla als Gewährsmann von Tacitus genannt wird— es ist die Geschichte von einem Soldaten der siebenten Legion(Galbiana), der in dem Gemetzel seinen eigenen Vater tötete— eingeleitet mit den Worten: o notabilior caedes fuit, quia filius patrem interfecit. rem nominaque auctore Vipstano Messalla tradam. Wer wollte die Möglichkeit leugnen, daſs Tacitus hier, wie Nissen u. a. urteilen, der Darstellung des Messalla einen einzelnen Zug„zur Bereicherung
¹ Vgl. Nipperdey zu der Stelle der Annalen:„Das Folgende hat Tac. hier infolge späterer genauerer Durchforschung der Quellen anders erzählt als H. I. 13“.


