— 172—
aufgefaſſt, mit gänzlicher Ungebundenheit und Zügelloſigkeit verwechſelt, zu allerlei Anmaßung führt: der erwachende Stolz geht in Dünkel und Eitelkeit über. Der Freiheit⸗ trieb begnügt ſich nicht damit, der Naturnothwendigkeit immer mehr Raum abzuringen, die Herrſchaft der Sinn⸗ lichkeit und Leidenſchaft zu bekämpfen, und das willkürliche, unrechtmäßige Eingreifen in das Gebiet ſeiner Vernunft zurückzuweiſen; er ſchweift aus und führt zu Handlun⸗ gen, denen der Erzieher feſt entgegen treten muß. Hier iſt die größte Beſonnenheit nöthig, um auf der einen Seite das erhebende Bewuſſtſeyn, als ein in ſich freies Weſen auftreten zu können, in dem erwachenden Menſchen nicht zu verdunkeln und niederzudrücken, ihm zu helfen, ſeine Eigenthümlichkeit zu behaupten, in ſeiner Weiſe nach Anlagen, Talent und Temperament, die die Eigenthüm⸗ lichkeit bilden, zu handeln: und auf der andern ihn zu wahren, daß Geiſt und Gemüth bei aller Eigenthümlichkeit die rechte verſtändige, vernünftige und religiöſe Richtung nach dem Edeln, Höheren, Göttlichen nicht verfehle, daß richtiges Denken, Fühlen und Wollen ihm Richtſchnur und Gewohnheit werde. Sein freier Wille ſoll herrſchen, nicht die Neigung, ungebunden zu ſein. Zum Glück erwacht mit dieſer Entwickelungperiode des inneren Lebens der Verſtand ſchneller, ſo, daß es möglich wird, dem jugendlichen Gemüthe die hier vorkom⸗ menden Begriffe von Freiheit und Selbſtſtändigkeit, von freiem und ſelbſtſtändigem Handeln, von Eigenthümlichkeit und der natürlichen und ſittlichen Nothwendigkeit der Be⸗ ſchränkung derſelben, ſo wie von den hierbei ſtattfindenden Verhältniſſen klarer zu machen. Beſonders aber werde das ſich nun auch dringender zeigende religiöſe Bedürfniß benützt, um die Ehrfurcht vor Gott, dem Unerforſchlichen,


