Aufsatz 
Zur Geschichte der Schule : 1. Teil: Das Philanthropin 1804-1813 / Hermann Baerwald
Entstehung
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liegen noch die Contracte vor, die mit einem Schneider, Bäcker, Schreiner, Spengler, Gold⸗ arbeiter u. ſ. w. abgeſchloſſen wurden. Für Geiſenheimer, der die Angelegenheit ſeiner Glau⸗ bensgenoſſen mit einer Theilnahme verfolgte, wie man ſie herzlicher den wichtigſten Familien⸗ angelegenheiten nicht zuwenden kann, der aufjubelte, als den Juden im Großherzogthum Frank⸗ furt das Bürgerrecht ertheilt wurde ¹), war es eine beſondere Genugthuung, wenn er einen armen, im Philanthropin herangebildeten jüdiſchen Knaben an die Hand nehmen und ihn zu einem chriſt⸗ lichen Meiſter in die Lehre führen konnte ²): es war, als hätte er damit eine Gegenleiſtung für die den Juden zugeſtandene Gleichſtellung thun wollen.

Neue Lehrkräfte wurden herangezogen: wir erwähnen hier, neben dem bereits erwähnten Flaſchin, nur Lehmann B. Hanauo) und Jacob Bechhold). Die Beſoldung der Lehrer

¹) Vergleiche Dr. Heinrich Bier(ehemals Lehrer an unſerer Schule, geſt. 1863), Siegmund Gei⸗ ſenheimer, Biographiſche Skizze in K. Klein, Jahrbuch für Israeliten. 1857. S. 105113. Bier erzählt, Geiſenheimer habe die Nachricht davon ſeinem Vater durch eine Eſtafette mitgetheilt. Ich laſſe hier zwei characteriſtiſche Briefe folgen, die ich, wie einen dritten, weiter unten mitzutheilenden, der Güte der Tochter Geiſenheimer's, der Frau Höchberg, verdanke:

derrn Wolffgang Geiſenheimer in Bingen. O ffgang ſenh kt ingen Frankfurt, d. 2. Januar 1812.

Theuerſter Vater! Ueberzeugt von dem Antheil, den Sie an unſerm Glück nehmen, überſchicke Ihnen bei⸗ gehend unſer heutiges Regierungsblatt, worin wir das Bürger⸗Recht haben. Es koſtet zwar Geld und vielleicht mich 30 Carolin auf meinen Theil, doch danke ich Gott dafür. In Eil. Ihr Sohn

S. Geiſenheimer.

Ueber das, was die Juden zu zahlen hatten, um das Bürgerrecht zu erlangen, vergleiche die Verordnung vom 7. Febr. 1811. Großh. Frankf. Regierungsblatt I, 293 ff.

Als die Franzoſen verjagt und die deutſche Unabhängigkeit wieder hergeſtellt war, wollte man bekanntlich den Juden, obgleich ſie in den Freiheitskriegen an Opferwilligkeit, Muth und Tapferkeit ihren chriſtlichen Lands⸗ leuten nicht nachgeſtanden,(ſ. u. A. Hardenberg's Brief bei Joſt, Geſch. der Israeliten IX, 178 ff.), wie⸗ der das Bürgerrecht nehmen. Um das zu verhüten, ſandten u. A. auch die Frankfurter Juden eine Deputation an den Wiener Congreß. Am 18. Juni 1815 ſchreibt Geiſenheimer:

Lieber Vater und Mutter!.... Heute iſt Gottlob die beſtimmte Nachricht von Wien von unſern Depu⸗ tierten, daß die Juden hier das Bürgerrecht haben. Dieſe Nachricht iſt per Eſtafette gekommen. Wegen der üb⸗ rigen Juden in Deutſchland wird es mit Gottes Hilfe auch gut gehn; erſteres iſt aber ſchon von allen Monarchen

unterſchrieben. Leben Sie wohl! Ihr Sohn S. G. ²) Dabei wurde natürlich den Lehrlingen die Sabbathfeier vorbehalten. Hier mag zur Ehre des Grün⸗ ders unſerer Schule noch folgende Stelle aus einem Briefe an ſeine Eltern vom 22. Juli 1808 ſtehn:.. Nun

lieber Vater! habe ich ſeit 8 Tagen wieder etwas in's Werk geſetzt, das mir viel Vergnügen macht. Ich habe nehmlich Geld geſammelt, um die armen Kinder aus unſerer Schule Handwerke lernen zu laſſen und habe ſchon über 1200 fl. beiſammen. Sechs Kinder ſind ſchon folgend placirt: 1 Bender(d. i. Faßbinder oder Küfer), 1 Schuh⸗ macher, 1 Bäcker, 1 Schreiner, 1 Schneider; Einer wird Apotheker und kommt nach Mainz bei einem Apotheker, der ein Gutfreund von mir iſt. Vermuthlich werde ich nächſte Woche nach Mainz gehn deswegen. Da wir nun in unſerer Schule keine große Jungen mehr haben, die anderen alle noch zu klein ſind, ſo nehmen wir auch andere arme Kinder. Dies hat jetzt dadurch ſo überhand genommen, daß die reichſten Leute ihre Kinder Handwerker lernen laſſen. Müßt Ihr linke Rheinuferer Euch nicht ſchämen? Schon 12 Jahre habt Ihr die Erlaubniß und noch hat ſie Keiner benutzt! Lieber Vaterl laſſen Sie unſern Bruder Ra⸗ phael ein Handwerk lernenl laſſen Sie ihn ein Bender werden, ich will das Lehrgeld zahlen und wenn es auch 200 fl. koſtet und wenn er ausgelernt hat und gehet in die Fremde, ſo gebe ich ihm abermals ſo viel; ich bitte Sie, thun Sie das. Grüßen Sie mir ꝛc. Ihr ergebenſter Sohn S. Geiſenheimer.

3) Es iſt der Vater unſers verehrten Collegen Dr. Bernhard Lehmann, wurde im April 1809 an unſere Schule berufen und wirkte an derſelben(ſ. Heß: Die Bürger⸗ und Realſchule S. 35) bis zu ſeinem Tode 1834. An ſeine Stelle wurde J. M. Joſt berufen.

¹) Er ſtarb als emeritirter Lehrer am 13. Decbr. 1862, nachdem er ſeit 1811 an unſerer Schule gewirkt hatte. S. über ihn Stern: Einladungsſchrift vom Jahre 1863, S. 53 ff. und Heß: die Bürger⸗ und Realſchule S. 20.