Unterricht der weiblichen Jugend war bis dahin bei den Juden ganz vernachläſſigt worden: Heß erſtrebte und bewirkte in Gemeinſchaft mit Geiſenheimer und den anderen Vorſtehern endlich im Jahre 1810 die Begründung einer Töchterſchule und deren Verbindung mit dem Philanthropin.— Wie die Dinge damals lagen, konnte die Schule ihre Aufgabe an den Schülern nicht ganz erfüllen, wenn nicht zugleich auf die Beſeitigung alter, lange eingewurzelter Mißbräuche beim Gottesdienſt und die Herſtellung einer wirklich erhebenden Gottesverehrung erſtrebt wurde. Heß gehörte zu denen, die eine radicale Reform für unerläßlich hielten. Zunächſt richtete er(ſeit Auguſt 1811) eine wöchentliche allgemeine Andachtsſtunde in der Schule ein ¹).
„Es wächſt der Menſch mit ſeinen größeren Zwecken!“ Ein Autodidact, der, von dem Stu⸗ dium des Talmud ſich abwendend, ſich in die Lectüre Voltaire's und Rouſſeau's vertiefte, war Heß als er nach Frankfurt kam. Nun aber arbeitete er unausgeſetzt an ſich, um ſich für die große Aufgabe, die ihm zugefallen war, immer mehr zu befähigen. So iſt er durch die Schule und die Schule durch ihn empor gekommen.
II. Unterricht und Lehrer.
Nicht alle in das Philanthropin aufgenommene Knaben wurden in die Muſterſchule oder in andere Schulen geſchickt, manche erhielten den vollſtändigen Elementarunterricht in der An⸗ ſtalt ſelbſt.
Schon im Jahre 1804 hatte man daher einen Unterrichtsplan für das Philanthropin auf⸗ geſtellt. Danach ſollten.
1) für den hebräiſchen Elementarunterricht wöchentlich 12 Stunden
2) für das Buchſtabiren„ 6 2 3) für das Jüdiſchſchreiben„ 6„ 4) für das Leſen„ 6 3 5) für das Deutſchſchreiben„ 5„ 6) für das Rechnen„ 5„ 7) für die Anfangsgründe der Muſik„ 2„ 8) für das Zeichnen„ 3„
verwendet werden. Die Kinder ſollten von Morgens um 7 ²) bis Mittags um 12 und von Nach⸗ mittags um 2 Uhr bis Abends um 5 und dann wieder von 6 bis 8 Uhr beſchäftigt ſein. Be⸗ ſondere Aufmerkſamkeit wurde auf Rechnen und Schreiben gewendet: jeden Freitag wurden
¹) Dieſe Andachtsſtunde ſchildert er kim Programm von 1812 S. 34) folgendermaßen: Sonntags, bei Er⸗ öffnung der Schule, verſammeln ſich alle Schüler und Schülerinnen in einen Saal, wo nach einem von der Orgel begleiteten Geſang, über einen moraliſchen Gegenſtand, den oft Gelegenheit und Umſtände herbeiführen, geſprochen und das Betragen der Schüler in der verfloſſenen Woche, nach den Conduitenbüchern, beurtheilt wird. Manche Rüge und Bemerkung finden hier den ſchicklichſten Platz und machen oft einen lebhaften Eindruck. Ein kurzer Geſang beſchließt die Stunde.— In ſeiner 1857 erſchienenen Schrift: Die Bürger⸗ und Realſchule ꝛc S. 34 datirt Heß den Anfang der Andachtsſtunde vom Jahre 1815.
²) Nur Montag und Donnerſtag ſollte der Unterricht, wahrſcheinlich wegen des an dieſen Tagen ſtatt⸗ findenden feierlicheren Gottesdienſtes, um 8 Uhr Morgens beginnen, Mittwoch Nachmittag war frei. Siehe die zweite Beilage.


