Aufsatz 
Zur Geschichte der Schule : 1. Teil: Das Philanthropin 1804-1813 / Hermann Baerwald
Entstehung
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die Zöglinge an ein manierliches und anſtändiges Betragen zu gewöhnen. Ohne Erlaubniß des Lehrers ſollten die Kinder weder Spaziergänge noch ſonſt andere Gänge, ſelbſt nicht auf Geheiß deren Eltern und Vormünder unternehmen dürfen. Man ſorgte auch für Plätze in der Synagoge und ſtellte einen jungen Mann an, der die Zöglinge zur Andacht zu begleiten hatte. Obgleich die Knaben in der Bürgerſchule auch im Schönſchreiben unterrichtet wurden, ſo wurde doch,da dieſes für unſere Nation eines der wichtigſten Dinge iſt, in der Perſon des Marcus Coblenz, der alsguter Kalligraph bekannt war, einPrivatſchreibmeiſter ſowohl für das deutſche als auch für das jüdiſche Schönſchreiben angeſtellt ¹).Nützliche Bücher, als Sittenbüchlein für Kinder von Campe und andere ²) wurden gekauft, aus denen der Lehrer den Zöglingen bei müßigen Stunden vorleſen ſollte. Dem Lehrer wurde überdies aufgetragen,denen Zöglingen keine körper⸗ liche Beſtrafung zu ertheilen, ſondern ſolche bloß durch Erregung von Ehrgefühl zu beſtrafen und zu belohnen. Dieſem nach wurde dem Lehrer eine in Tabellen eingetheilte Conduitenliſte zur Hand gegeben, worauf derſelbe die Strafe durch einen Strich, die Belohnung durch einen Punkt be⸗ zeichnen ſollte. Dieſe Noten hat jeden Abend der beſuchende Vorſteher in ein beſonderes Con⸗ duitenbuch einzuſchreiben, zu Ende des Monats aber haben die Vorſteher dies zu ſummiren und für 20 ſchwarze Punkte dem Zöglinge auf der jährlichen Conduitentafel einen rothen Punkt zu verzeichnen. Für fünf rothe Punkte wird dem Zögling alsdann ein nützliches Buch gegeben, ſtärkere Vergehen aber, bei denen ſchwarzen Strichen, werden auf eine feierliche Art mit Schlägen auf den Fingern durch den Lehrer oder durch einen andern Zögling im Beiſein der Vorſteher beſtraft.

Der Beſuch der Vorſteher war feſt geregelt: jeden Abend hatte einer von ihnen Inſpection 9.

Was man hier wahrnahm, Mißſtände, die man bemerkte, theilte man ſich in den oft wieder⸗ kehrenden Conferenzen mit. Es iſt rührend zu leſen, wie dieſe Männer, Handelsleute aus der Frankfurter Judengaſſe, nicht in der Conferenz erſcheinen, ohne vorher ihre Gedanken, wie eine den Bedürfniſſen und Forderungen der Zeit entſprechende Schul⸗ und Erziehungsanſtalt am Beſten einzurichten ſei, zu Papier gebracht zu haben. Man einigt ſich in der Regel erſtnach vielen Debatten; oft genug dehnt ſich die Conferenz bis über Mitternacht hinaus. Auf dieſe Weiſe ſind die oben mitgetheilten Normen feſtgeſtellt worden; ſie ſollten gelten, doch ſodaß man jedesmal bei einſehender Verbeſſerung ſolche abändern kann.

Run kam es darauf an, das Intereſſe für die aufkeimende Anſtalt in immer weitere Kreiſe zu tragen. Man beſchloß, mit einer Darſtellung des Zweckes und der inneren Einrichtung derſelben ſich an das größere Publikum zu wenden und daſſelbe zur Zeichnung von Beiträgen aufzufordern. Der bereits erwähnte Dr. Goldſchmidt übernahm es, eine ſolche Schrift abzufaſſen, der Senator Brönner ließ ſie unentgeltlich drucken. So erſchien im Mai 1804 einProſpectus zu einem Philanthropin für arme Kinder jüdiſcher Nation), welcher, mit einer Aufforderung zur Sub⸗

¹) Schon im Auguſt 1804 wurde er durch Herrn Collichon für deutſche und Herrn Neugaß für jü⸗ diſche Schrift erſetzt.

²) Angeſchafft wurden zu dem Zwecke: Naturhiſtoriſches A B C und Bilderbuch mit 24 illuminirten Kupfern ꝛc. nebſt Erklärung der in den Kupfern abgebildeten Gegenſtände aus den drei Reichen der Natur. Frankfurt. Brönner 1804, ferner: Naturhiſtoriſches Bilderbuch mit 23 illuminirten Kupfern und einer erweiterten Erklärung derſelben. Frankf. Brönner 1804.

3) Geiſenheimer kam am Sonntag und Freitag, Reis Montag und Donnerstag, Stiebel Dienſtag, Kulp Mittwoch; am Samſtag aber kamen wenigſtens zwei Vorſteher.

4) Siehe Beilage 1.