Aufsatz 
Zur Geschichte der Schule : 1. Teil: Das Philanthropin 1804-1813 / Hermann Baerwald
Entstehung
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Die Seele des ganzen Unternehmens war Siegmund Geiſenheimer: er iſt der Grün⸗ der unſerer Schule.

Zu Bingen am 14. November 1774 geboren, hatte er, 13 Jahre alt, ſein väterliches Haus verlaſſen. Vermuthlich war er hieher gekommen, um ſich im Talmudſtudium, in welches er, nach der Sitte der Zeit, als Knabe eingeführt worden war, zu vervollkommnen. Aber wer kennt nicht die Wandlungen, die damals in den Neigungen und Bildungsbedürfniſſen wißbegieriger jüdiſcher Jünglinge durch die Lectüre etwa der Mendelsſohnſſchen Schriften und die dadurch vermittelte Bekanntſchaft mit der deutſchen Literatur hervorgebracht wurden! Bei edleren Naturen zeigte ſich dann das kann man durchweg bemerken als die ſchönſte Frucht der ſpät, mühſam und autodidactiſch gewonnenen Bildung ein erhöhtes Mitgefühl für ihre in der Bildung zurückgeblie⸗ benen, in ihren Menſchenrechten verkürzten Glaubensgenoſſen, ein eifriges Bemühen, dieſelben zu erheben, ſie geiſtig und ſittlich zu fördern und vor Allem, der heranwachſenden Jugend die ihnen ſelbſt vorenthaltene Wohlthat eines umfaſſenden, geregelten Schulunterrichts zu gewähren. So war es bei Geiſenheimer. Mit unermüdetem Fleiß arbeitete er an ſeiner Ausbildung; hätte er ſeiner Neigung folgen dürfen, ſo hätte er ſich den Studien gewidmet.Da ich, ſo ſchreibt er ſelbſt,dermalen leider keinen andern Weg ſah, ſo ſuchte ich in den kaufmänniſchen Wiſſenſchaften mich auszubilden. Er erlernte die franzöſiſche, engliſche, italieniſche und ſpaniſche Sprache ſowie die Buchhaltung, wurde 1795 erſter Buchhalter in der damaligen Waarenhandlung Mayer Amſchel Rothſchild; mit ſeinen innerſten Neigungen aber gehörte er den damals gerade in der hieſigen Gemeinde mächtig ſich regenden Culturbeſtrebungen an.Obgleich, erzählt er,mein Geſchäftsberuf im Rothſchild'ſchen Hauſe mannigfach war, ſo hielt mich derſelbe dennoch nicht ab, nach müde durcharbeiteten Tagen die nächtlichen Stunden zum Wohl meiner Mitbrüder und zur Beförderung ihrer Cultur zu verwenden. Dem Erziehungsweſen der hieſigen jüdiſchen Ge⸗ meinde, widmete er früh ein beſonderes Intereſſe ¹).

Da geſchah es, daß Rothſchild ihm einſt es war wohl gegen Ende des Jahres 1803 einen armen Knaben, den er durch Marburg reiſend, dort bemerkt und hieher gebracht hatte, zuführte und ihm, wie erzählt wird, mit den Worten übergab:Nehmet Euch dieſes Knaben an, er lernt eben ſo gern, wie Ihr lehrt; ſeht zu, was Ihr aus ihm macht! Es war eben jener Moſes Weintraub, für den Geiſenheimer dann eine Subſcription eröffnete, deren Ertrag ihn auf den Gedanken brachte, ſich auch anderer armer Kinder anzunehmen und im Verein mit Gleichgeſinnten ein Philanthropin zu gründen.

Zunächſt wurden außer dem erwähnten Knaben noch zwei hieſige arme Kinder von 10 und 11 Jahren aufgenommen und in die unter dem Magiſter Klitſcher ſtehende, eben begründete Bürgerſchule(Muſterſchule) geſchickt. Außerdem wurde eine Stube ²) gemiethet und mit den nöthigen Utenſilien als Schulzimmer eingerichtet und ein jüdiſcher Lehrer, Meyer Lambert aus Metz, angeſtellt. Dieſer ſollte die Kinder täglich von 68 Uhr Abends im Hebräiſchen, vorzugsweiſe in der Bibel mitMendelsſohniſcher Ueberſetzung, ſowie inhebräiſcher Sprachlehre und Ortho⸗ graphie unterrichten, auf ihr moraliſches Betragen ein wachſames Auge halten, an Feſt⸗ und Feier⸗ tägen kleine unterhaltende Spaziergänge mit ihnen vornehmen, überhaupt darauf bedacht ſein,

¹) Aus einem Briefe Geiſenheimers an den Fürſten Primas und einem Zeugniß des Herrn von Günderrode. Beides im hieſigen Stadt⸗Archiv. ²) Wollgraben 14, im Spritzenhaus. Baerwald, Zur Geſchichte der Realſchule. 2