6 unter schwierigen Verhältnissen; hier hat sie sich während einer Zeit von 77 Jahren zur Blüte entfaltet. Viele Knaben und Mädchen, die jetzt als Männer und Frauen hier in Frankfurt selbst geachtet sind und einflußreich oder auch draußen in weiteren Kreisen, haben hier ihre Schulerziehung erhalten. Wir wollen dieser Stätte ein dankbares Andenken bewahren.
„Aber im Hinblicke auf die Fahne gedenken wir außer jener Aufforderung zur ent- schlossenen und ausharrenden Thätigkeit zunächst hier noch der beiden ersten Mahnungen des deutschen Spruches zu Frömmigkeit und Tapferkeit und, indem wir auf das majestätische Bild des Kaisers Karl blicken, den beide Tugenden zierten, tritt uns geistig vor die Augen die majestätische Gestalt unseres Kaisers Wilhelm, der einst der Geschichte, jenem ähnlich, angehören wird als der ruhmvolle Gründer unseres geeinigten Deutschen Reiches, in welchem auch die Bildung der Jugend fröhlich gedeiht. Ihm bringen wir von hier scheidend als gute Söhne unseres Vaterlandes ein dreifaches Hoch aus.«
Nachdem die Versammlung dreimal in dieses Hoch eingestimmt und die Musik die Königshymne gespielt hatte, setzte sich der Zug in Bewegung. Militärmusik voran, dahinter die neue Fahne, von einem Oberprimaner getragen, mit ihrer Begleitung, die Lehrer und Freunde der Anstalt folgten; hinter ihnen die Vorschule und so die Schüler, von den jüngsten aufsteigend, bis zu den oberen Klassen. Drei weitere Fahnen waren im Zuge verteilt, zwei deutsche einfache von dem Fackelzuge her, welcher drei Jahre früher dem Kaiser hier gebracht worden war, in der Mitte des Zuges die kunstvollere Fahne vom Guttenbergsfeste 1840. Uberall auf dem Wege war eine große Menschenmenge versammelt, in der Fichtestraße hatten sogar in nachbarlicher Aufmerksamkeit die meisten Häuser geflaggt. Viele Personen wünschten Eintritt zur Schulfeier im Schulhause selbst, er mußte jedoch allen außer den geladenen Gästen verweigert werden; selbst die Schüler der Vorschule wurden nur durch das Haus geführt und dann entlassen. Die Aula mit Hinzunahme des daranstoßenden Singsals reichte eben nur aus, die Realschüler nebst den städtischen Behörden und Gästen aufzunehmen. Magistrat und Schulkuratorium waren veértreten, die meisten Dirigenten hiesiger Schulen, fast das ganze Kollegium der Elisabethenschule wohnten der Feier bei. Das Königliche Provinzialschulkollegium vertrat Herr Provinzialschulrat Dr. Rumpel. Auch ein Mitglied der ehemaligen Okonomischen Deputation der Musterschule, Herr Gustav Günther, war der Einladung gefolgt, die anderen noch lebenden Mitglieder waren leider verhindert, und der Enkel des um die Gründung der Schule so verdienten Seniors Hufnagel, Herr Dr. Stricker, war anwesend.
Die Feier wurde eröffnet durch die von Instrumentalmusik begleitete Motette:»Die Himmel rühmen die Ehre Gottes«, vorgetragen vom Gesangchor der Anstalt unter Leitung des Herrn Julius Bautz. Sodann ergriff Herr Oberbürgermeister Dr. Miquel das Wort:
»Sehr geehrte Herren,« sagte er,»der heutige Tag bezeichnet einen wichtigen Abschnitt in der Geschichte der Musterschule. Sie erbält eine ihrer heutigen Entwicklung entsprechende, pleibende Stätte, deren Räume und Einrichtungen nicht bloß für die Gegenwart, sondern auch für eine bedeutend größere Entwicklung in der Zukunft ausreichen. Die Schule hat Domicil und eine sichere Grundlage weiteren Aufschwungs für die Zukunft gewonnen. Ein solcher Tag führt fast unwillkürlich unsre Blicke in die Vergangenheit zurück. Wir wollen wissen, wie die Gegenwart geworden, auf welchen Basen der bisherigen Entwicklung aus kleinen Anfängen heraus ein so wohlgeordnetes, kräftiges Gefüge entstanden, und welche Hoffnungen wir daran für die Zukunft knüpfen können. Die Geschichte der Musterschule ist in vielen Beziehungen


