Aufsatz 
Über Schillers dramatische Fragmente
Entstehung
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Doch verhinderten ihn damals mancherlei Umſtände, das Trauerſpiel zu beginnen. Göthe gab ſich viele Mühe, ihn zu neuem Schaffen aufzumuntern und Schiller ſelbſt fühlte eine unendliche Luſt zu friſcher Thätigkeit. Er entſchied ſich endlich im Mai 1796 nicht für die Malteſer, ſondern für den Wallenſtein.

Damit waren alſo die Malteſer für längere Zeit auf die Seite geſchoben und Don Carlos, die am meiſten ſubjektive Tragödie, hatte den Wallenſtein, eine beinahe ganz objektive zur Nachfolgerin, freilich nach einem ziemlich langen Zwiſchenraume. Als aber die Geiſtesentwickelung Schillers wieder eine andere Richtung nahm, traten die nun verſchmähten Malteſer wieder in ihr altes Recht.

Dies geſchah zu jener Zeit, als ſich Schiller mit der Maria Stuart ange⸗ legentlich beſchäftigte(1799 in Jena). Auch der Herzog von Weimar drang auf die Ausarbeitung. Schiller ſchrieb darüber an Göthe am 22. Okt. 1799: ¹) Um doch etwas zu thun, habe ich über die Dispoſizion meiner Malteſer⸗Tra⸗ gödie nachgedacht, damit ich dem Herzog ſogleich bei meiner Ankunft etwas Be⸗ deutendes vorzulegen habe. Es wird mit dieſem Stoff recht gut gehen, das punctum saliens iſt geſunden, das Ganze ordnet ſich gut zu einer einfachen, großen und rührenden Handlung. An dem Stoff wird es nicht liegen, wenn keine gute Tragödie, und ſo wie Sie ſie wünſchen, daraus wird. Zwar reiche ich nicht aus mit ſo wenigen Figuren als Sie wünſchen, dies erlaubt der Stoff nicht, aber die Mannigfaltigkeit wird nicht zerſtreuen und der Einfachheit des Ganzen keinen Abbruch thun.

So arbeitete er alſo das Schema dieſer Tragödie ins Reine, um dasſelbe dem Herzoge überreichen zu können. Zur Ausführung des Planes kam es aber auch jetzt nicht, die ſchottiſche Königin zog ihn mehr an. Gleich nach Vollendung des Wallenſtein hatte er an Göthe geſchrieben: ²)Neigung und Bedürfnis ziehen mich zu einem frei fantaſierten, nicht hiſtoriſchen, und zu einem bloß leidenſchaftlichen und menſchlichen Stoff; denn Soldaten, Helden und Herrſcher habe ich vor jetzt herzlich ſatt. Mit den Malteſern wäre er aber wieder nur auf Militäriſches und Kriegeriſches geſtoßen, kein einziges Weib hätte bei dieſem Stoffe eine Rolle gefunden. Sein Verlangen gieng aber auf die Dar⸗ ſtellung eines rein menſchlichen Gegenſtandes und um die zarten Empfindungen der Humanität ausſprechen zu können, wie ſein Herz ihn drängte, entſchloſs er ſich zu der Maria Stuart. Dieſe war der wahre Ausdruck ſeines Seelenzu⸗ ſtandes, der längere Zeit anhielt und die Urſache ward, daſs der Männertrilogie des Wallenſtein nun drei Frauendramen folgten.

Das letzte derſelben, die Braut von Meſſina, war eben zum Abſchluſſe gekommen, als Schiller auch ſchon wieder an ſeine Malteſer dachte. Zu Beginn des Jahres 1803 ſchreibt er an Göthe: ³)Ich habe meine alten Papiere über die Malteſer vorgenommen, und es ſteigt eine große Luſt in mir auf, mich gleich an dieſes Thema zu machen. Das Eiſen iſt jetzt warm und läſst ſich ſchmieden. Dieſe Notiz iſt aber auch die letzte Nachricht, die wir über dieſes Thema haben. Nach Schillers Abſicht hätten ſich die Malteſer innig an die feindlichen Brüder angeſchloſſen, mit ihnen den romantiſchen Gegenſtand und

²) Briefwechſel V. 198. ²) Daſ. V. 36. ³) Daſ. VI. 182.