10
wird Simnel überwunden; ſterbend bekennt er ſeinen Betrug und die Anſtifter, er erkennt den Warbeck für den echten York. Aber auch Eduard Planta⸗ genet, der wirkliche Prinz von Clarence, erſcheint am Hofe zu Brüſſel, um ſeine Anſprüche auf den engliſchen Thron geltend zu machen. Sir William Stanley, Botſchafter Heinrichs VII., ſucht den Nebenbuhler ſeines Königs durch einen Mordanſchlag aus dem Leben zu räumen, Warbeck aber rettet ihn vor zwei Mördern. Inzwiſchen erſcheint Graf Kildare und wird von Warbeck als Vater begrüßt, doch erfährt dieſer, daſs er nicht deſſen Sohn ſei; er ſei ein natürlicher Sohn Eduards IV., ein geborner York.„Das Räthſel ſeiner dunkeln Gefühle löst ſich ihm; das Knäuel ſeines Schickſals entwirrt ſich auf einmal. In einer unendlichen Freudigkeit wirft er die ganze Laſt ſeiner bisherigen Qualen ab. Er zeigt ſich dem Botſchafter in der Stellung, wie er den Plan⸗ tagenet umarmt und ſchickt ihn zu ſeinem König mit der Erklärung, daſs ſie beide gemeinſchaftlich ihre Rechte an den Thron geltend machen wollten.“ Jetzt kann auch die Prinzeſſin Adelaide von Bretagne, welche Warbeck innig liebt, das Beſte hoffen, überhaupt endet das Stück zur allgemeinen Zufriedenheit und unter den beſten Ausſichten für die Anhänger der weißen Roſe.
Aus dieſer kurzen Skizzierung der Haupthandlung läſst ſich erſehen, daſs das ausgeführte Drama eine Fülle von ergreifenden Situazionen enthalten hätte, die alle in genauem Zuſammenhange geſtanden und einen vortrefflichen Schluſs gefunden hätten. Vorzüglich gelungen iſt dem Dichter die Zeichnung des Titelhelden. Er, eine nach Selbſtändigkeit ſtrebende Natur, iſt in der Gewalt eines falſchen, gebieteriſchen, mächtigen, unverſöhnlichen Weibes, welches in ihm ewig nur ihr Werkzeug, den Betrüger ſieht, und immer wird er an das ſchänd⸗ liche Verhältnis erinnert. Demnach ſpielt er ſeine Rolle mit einem geſetzten Ernſt, mit einer gewiſſen Gravität und mit eigenem Glauben. Kühn gemacht durch ſein Glück und auf ſeinen Anhang bauend, zugleich durch ſein Liebesver⸗ hältnis zu Adelaide, welches die Herzogin mit Härte verbietet, angeſpornt, be⸗ ſchließt er, ſeiner unerträglichen Lage ein Ende zu machen. Und als die Begeg⸗ nung mit Kildare die erwünſchte Aufklärung bringt, zeigt er ſich in ſeiner wahren Größe und würdig ſeines neuen Standes, deſſen Rolle er bisher nur geſpielt. Warbeck wuſste freilich, daſs er ein Betrüger ſei und Schiller hätte es wohl hinlänglich motiviert, wie jener bewogen werden konnte, dieſe Betrügerrolle zu übernehmen, aber aus ſeinem ganzen Weſen ſpricht eine Würde, ein Muth und Edelſinn, welche ihn hoch erheben über das Peinliche ſeiner Lage. Das Schickſal, welches ihn dann in die rechte Stellung bringt, ſcheint ihn unbewuſst in die Bahn gelenkt zu haben, welche er ſeiner Geburt und ſeinem adeligen Sinne gemäß zu betreten befugt war.
Die Herzogin zeigt in ihren Worten und Thaten den gefühlloſen Fürſtenſtolz, eine kalte, egoiſtiſche Seele. Sie hat ſich nie um Warbecks Glück bekümmert, er iſt ihr bloß das Werkzeug ihrer Pläne geweſen, das ſie wegwirft, ſobald es unnütz wird. Aber dieſes Werkzeug iſt ſelbſtändig, und was Warbeck fähig machte, den Fürſten zu ſpielen, gibt ihm die Kraft, ſich einer ſchimpflichen Abhängigkeit zu entziehen..
Die Prinzeſſin iſt ein einfaches Mädchen ohne alles Fürſtliche; ihre Geburt und ihr Stand erſcheinen ihr nur als hindernde Schranken, die ihrer


