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überhaupt glaube ich, daſs man wohl thun würde, immer nur die allgemeine Situazion, die Zeit und die Perſonen aus der Geſchichte zu nehmen und alles Übrige poetiſch frei zu erfinden, wodurch eine mittlere Gattung von Stoffen entſtünde, welche die Vortheile des hiſtoriſchen Dramas mit dem erdichteten vereinigte. Was die Behandlung des erwähnten Stoffes betrifft, ſo müßte man, däucht mich, das Gegentheil von dem thun, was der Komödiendichter daraus machen würde. Dieſer würde durch den Kontraſt des Betrügers mit ſeiner großen Rolle und ſeiner Inkompetenz zu derſelben das Lächerliche hervorbringen. In der Tragödie müßte er als zu ſeiner Rolle geboren erſcheinen und er müßte ſie ſich ſo ſehr zu eigen machen, daſs mit denen, die ihn zu ihrem Werkzeug gebrauchen und als ihr Geſchöpf behandeln wollten, intereſſante Kämpfe ent⸗ ſtünden. Es müßte ganz ſo ausſehen, daſs ihm der Betrug nur den Platz an⸗ gewieſen, zu dem die Natur ſelbſt ihn beſtimmt hat. Die Kataſtrophe müßte durch ſeine Anhänger und Beſchützer, nicht durch ſeine Feinde und durch Liebes⸗ händel, durch Eiferſucht und dgl. herbeigeführt werden.“
Am 21. Auguſt antwortete Göthe: ¹)„Der neue tragiſche Gegenſtand, den Sie angeben, hat auf den erſten Anblick viel Gutes, und ich will weiter darüber nachdenken. Es iſt gar keine Frage, daſs wenn die Geſchichte das ſimple Faktum, den nackten Gegenſtand hergibt und der Dichter Stoff und Behand⸗ lung, ſo iſt man beſſer und bequemer dran, als wenn man ſich des Ausführ⸗ lichern und Umſtändlichern der Geſchichte bedienen ſoll; denn da wird man immer genöthigt, das Beſondere des Zuſtandes mit aufzunehmen, man entfernt ſich vom rein Menſchlichen und die Poeſie kommt ins Gedränge.“
Indeſſen trat dieſer Plan doch in den Hintergrund, da die Bearbeitung der Jungfrau von Orleans des Dichters ganze Thätigkeit in Anſpruch nahm. Erſt nach Beendigung derſelben denkt Schiller wieder an ſeinen Plan und ſchreibt darüber an Göthe am 28. Juni 1801: ²)„Das Schauſpiel fängt an ſich zu organiſieren und in 8 Tagen denke ich an die Ausführung zu gehen. Der Plan iſt einfach, die Handlung raſch und ich darf nicht beſorgen, ins Breite getrieben zu werden.“ Demnach nahm er, wie ſein Notizbuch meldet, den Plan zu dieſem Stücke am 4 Juli ernſthaft vor und kehrte von mancherlei Abhaltungen am 30. September abermals zu ihm zurück. ³)
Der Stoff eignete ſich, wie Schiller ſelbſt andeutet, für die Tragödie, wie für das Luſtſpiel. Er entſchied ſich für die ernſte Behandlung und entwarf den ganzen Plan bis ins Einzelne, führte auch in einigen Szenen etwas aus, legte aber ſpäter den Stoff ganz bei Seite, als ein anderer falſcher Prätendent, der Demetrius, ihn lebhafter anzog.
Nach dem vorliegenden Entwurfe ſpielt die ganze Handlung in Brüſſel im Verlaufe weniger Tage. Warbeck iſt durch ſeine Tante, Margarethe von York, Herzogin von Burgund, durch Frankreich und Portugal und durch die öffentliche Stimme als Herzog Richard von York anerkannt. Da erſcheint Simnel, der vorgebliche Prinz Eduard von Clarence, in Brüſſel und erbietet ſich, ſein Recht durch einen Zweikampf mit Warbeck zu erweiſen. Im Kampfe
— Briefwechſel V. 163 und 164.— ³) Daſ. VI. 58.—*) Hoffmeiſter a. a. O.


