Aufsatz 
Über Schillers dramatische Fragmente
Entstehung
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zur Menſchheit ſich und alles wahrhaft beſitzt, und daſs das Leben mit der Freiheit allein das höchſte iſt. Wie ganz anders erſcheint Hutten wenigſtens in den Szenen, die ausgeführt unſerer Beurtheilung unterliegen!

Auf eine nähere Charakteriſtik der in dieſem Entwurfe auftretenden Per⸗ ſonen einzugehen, iſt wohl bei der Dürftigkeit des Vorhandenen und bei den ſpärlichen Andeutungen über die weitere Entwickelung dieſes Stückes nicht leicht möglich. Das Original aber zu einem ſolchen Charakter aufzufinden, dürfte nicht ſchwer ſein, wenn man ſich nur ſo manche Stimmungen vergegenwärtigt, die unſer Dichter in Mannheim und Bauerbach erlebt hat.Aus der ſanftern und fernenden Erinnerung, ſagt er ſelbſt, ¹)mag der Dichter dichten, und dann deſto beſſer für ihn, je mehr er an ſich erfahren hat, was er beſingt, aber ja niemals unter der gegenwärtigen Herrſchaft des Affekts, den er uns ſchön verſinnlichen ſoll. Das that er denn auch ſelbſt und ſo iſt die Hauptfigur in dieſem Frag⸗ mente vielleicht nur das Spiegelbild Schillers. Wie er, ſo liebt Hutten die Natur zart und innig, weil ſich in ihr immer der göttliche Geiſt kund gibt; wie er, haſst Hutten nicht den Menſchen im Allgemeinen, ſondern nur jene, die ſeinem liebenden, von allem Guten und Schönen überfließenden Herzen ſo bittere Schmerzen bereitet haben. Der Menſchenfeind ſollte freilich verſöhnt werden, aber die moraliſch⸗rhetoriſche Manier wäre ihm geblieben, wie ſie in dem Bruch⸗ ſtücke liegt. Und daſs eine ſolche Behandlung einem tragiſchen Stoffe nicht günſtig ſei, erkannte Schiller ſelbſt am beſten; ſie erſchien ihmviel zu allge⸗ mein und philoſophiſch. Er ſelbſt glaubte nicht an das Gelingen dieſes Planes und gab ihn auf, um damit nicht trotz allen Anſtrengungen zu verunglücken.

Warbeck.

1 Jener Zeit, in welcher ſich der Dichter mit der ſchottiſchen Königin be⸗ ſchäftigte, gehört auch die erſte Idee zu dem Drama Warbeck an. Man entnimmt dies einem an Göthe gerichteten Briefe Schillers vom 20. Auguſt 1799, in welchem es heißt: ²)Ich bin dieſe Tage auf die Spur einer neuen möglichen Tragödie gerathen, die zwar noch erſt ganz zu erfinden iſt, aber wie mir dünkt, aus dieſem Stoff erfunden werden kann. Unter der Regierung Heinrichs VII. von England ſtand ein Betrüger Warbeck auf, der ſich für einen der Prinzen Eduards V. ausgab, welchen Richard III. im Tower hatte ermorden laſſen. Er wuſste ſcheinbare Gründe anzuführen, wie er gerettet worden, fand eine Partei, die ihn anerkannte und auf den Thron ſetzen wollte. Eine Prinzeſſin desſelben Hauſes York, aus dem Eduard abſtammte und welche Heinrich VII. Händel erregen wollte, wuſste und unterſtützte den Betrug, ſie war es vorzüg⸗ lich, welche den Warbeck auf die Bühne geſtellt hatte. Nachdem er als Fürſt an ihrem Hofe in Burgund gelebt hatte und ſeine Rolle eine Zeit lang geſpielt hatte, manquierte die Unternehmung, er wurde überwunden, entlarvt und hin⸗ gerichtet. Nun iſt zwar von der Geſchichte ſelbſt ſo gut als gar nichts zu ge⸗ brauchen, aber die Situazion im Ganzen iſt ſehr fruchtbar und die beiden Fi⸗ guren, des Betrügers und der Herzogin von York, können zur Grundlage einer tragiſchen Handlung dienen, welche mit völliger Freiheit erfunden werden müßte.

¹) Schillers Werke XII. 275. ²) Hoffmeiſter a. a. O. V. 54. 55.