Aufsatz 
Über Schillers dramatische Fragmente
Entstehung
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ſchauliches Ganzes. Nicht ſo die neueſte Publikazion. In dieſer erſcheinen die Entwürfe weit unausgeführter und mehr als Orientierungsverſuche. Mit großem Intereſſe wird man dieſe Fragmente leſen, denn man tritt durch ſie gewiſſer⸗ maßen in das Atelier des Dichters und begleitet ihn in ſeinem geiſtigen Schaffen. Man kann Schritt für Schritt verfolgen, wie die Handlung unter ſeinen Händen ſich aufbaut, wie die Geſtalten Fleiſch und Blut gewinnen und ein großes tragiſches Intereſſe das Ganze zu beherrſchen beginnt.

Es möge mir darum erlaubt ſein, vorerſt jene Gedanken, welche beim Studium der beſprochenen Entwürfe in dieſer Richtung ſich ergeben und wohl für alle dramatiſchen Arbeiten Schillers Geltung haben, darzulegen und dann erſt zur Würdigung der einzelnen Fragmente zu ſchreiten.

Vor allem überraſcht die Fülle des Materials, die Schiller aufgenommen oder erfunden hat und die vorzüglich bei den Skizzen über das Pariſer Leben, über Demetrius, über die Gräfin von Flandern und die Herzogin von Zelle in die Augen fällt. Die vollſtändige Bearbeitung hätte wohl eine große Be⸗ ſchränkung geboten und vieles von dieſen ſtofflichen Elementen wäre bei der Ausführung beſeitigt worden. Die dramatiſche Okonomie hätte den Dichter gezwungen, von den Geſtalten ſeiner Fantaſie gar manche aufzugeben, die ihm bereits lieb und theuer geworden war. In Bezug auf die Konzepzion aber tritt hier der große Unterſchied zu Tage, der zwiſchen dem Epiker und Dramatiker ſich geltend macht. Schiller ſelbſt äußert ſich hierüber folgender⸗ maßen: ¹)Beide, der Epiker und Dramatiker, ſtellen uns eine Handlung dar, nur daſs dieſe bei dem Letztern der Zweck, bei Erſterem bloßes Mittel zu einem abſoluten äſthetiſchen Zwecke iſt. Aus dieſem Grundſatz kann ich mir vollſtändig erklären, warum der tragiſche Dichter raſcher und direkter fort⸗ ſchreiten muß, warum der epiſche bei einem zögernden Gange ſeine Rechnung beſſer findet. Es folgt auch, wie mir däucht, daraus, daſs der epiſche ſich ſol⸗ cher Stoffe wohl thut zu enthalten, die den Affekt, ſei es der Neugierde oder der Theilnahme, ſchon für ſich ſelbſt ſtark erregen, wobei alſo die Handlung zu ſehr als Zweck intereſſiert, um ſich in den Gränzen eines bloßen Mittels zu halten.

Die Handlung iſt ſomit bei dem Dramatiker Zweck, ſie ſoll raſch und direkt fortſchreiten.Damit die Geſchichte, ſagt Schiller in dem Entwurfe der Herzogin von Zelle, ²)raſch zu einer Kataſtrophe ſich abrolle, muß gleich anfangs ein lebhafter Stoß hineingebracht werden, es muß alles gleich ſo an⸗ fangen, daſs eine Kriſe erwartet wird. Und bald wieder bei derſelben Ge⸗ legenheit: ³)Vor allen Dingen muß die Handlung prägnant und ſo beſchaf⸗ fen ſein, daſs die Erwartung in hohem Grade geſpannt und bis ans Ende immer in Athem gehalten wird. Es muß eine aufbrechende Knoſpe ſein, und alles, was geſchieht, muß ſich aus dem Gegebenen nothwendig und ungezwun⸗ gen entwickeln.

So ſucht er denn den Stoff gleich anfangs in dieſer ſtreng dramatiſchen Konzepzion zu faſſen und dieſe bringt ihm konſequent die wichtigſten Motive

¹) Briefwechſel zwiſchen Schiller und Göthe. Bei Cotta 1829. III. 78. ²) Glei⸗ chen⸗Rußwurm S. 87.) Daſ. S. 92. 1*