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rakter zeigen, ſie müße das Gemüth erſchüttern, erheben, aber nicht auflöſen. Während Schönheit für ein glückliches Geſchlecht ſei, müße man ein unglück⸗ liches erhaben zu rühren ſuchen.
Dieſem Grundſatze blieb denn auch Schiller, wie überhaupt in ſeinem ganzen literariſchen Wirken, ſo vorzüglich in den Tragödien treu.„Ohne das Erhabene“, ſagt er ſelbſt ausdrücklich, ¹)„würde uns die Schönheit unſerer Würde vergeſſen machen.“ So war er denn mehr ein Dichter des Erha⸗ benen als des Schönen, gleichwohl aber immer ein echter, oft unerreich⸗ barer Tragiker.„Er war Tragiker von Geburt wie durch das Schickſal ſeines Lebens.“ ³)
Von demſelben Geiſte durchdrungen ſind auch jene dramatiſchen Arbeiten, die Schiller unvollendet hinterlaſſen. Man muß es auf das tiefſte be⸗ dauern, daſs das unerbittliche Schickſal den großen Mann ſo bald abberufen hat, ehe es ihm noch gegönnt war, ſo manchen Plan zur Ausführung gebracht zu haben. Es wäre ein neuer Stoff geſpendet für die Flamme des nazionalen Kultus, welche auf den Altären des großen Dichters brennt; es wären neue Ruhmesſäulen, die er ſich ſelbſt damit geſetzt hätte; neue Schätze hätte er ſei⸗ nem Volke gegeben, das ihn liebt und verehrt und wegen dieſes Genius be⸗ neidet wird von allen Nazionen der Welt.
In„Schillers ſämmtliche Werke“ ſind aufgenommen: Der Men⸗ ſchenfeind, Warbeck, die Malteſer, die Kinder des Hauſes(im Zuſammenhange mit dramatiſchen Gedanken über das Pariſer Leben und die Pariſer Polizei) und Demetrius. Hoffmeiſter hat zu den drei letzteren Fragmenten Nachträge gebracht und zwei neue Entwürfe veröffentlicht, den Plan zu einem Drama: Der Tod des Themiſtokles und zu einem ſolchen: Auf einer außereuropäiſchen Inſel. In jüngſter Zeit erſchien das Büchlein:„Schillers dramatiſche Entwürfe zum erſtenmal veröffentlicht durch Schillers Tochter Emilie Freifrau von Gleichen⸗Rußwurm.“ ³) Darin ſind vier neue Entwürfe enthalten: Agrippina, die Gräfin von Flan⸗ dern, die Herzogin von Zelle und Elfride, außerdem weiteres zu Themiſtokles und der Plan zu einer Ballade: Roſamund oder die Braut der Hölle.
Bei Schiller hat auch die kleinſte Reliquie doppelten Wert, dieſe Ent⸗ würfe zeigen uns aber auch die glänzende Vielſeitigkeit ſeines Genius, welcher ſich zutraute, die verſchiedenartigſten und ſprödeſten Stoffe zu geſtalten und zu bezwingen. Bezüglich der Faſſung, in welcher dieſe Entwürfe vorliegen, beſteht ein großer Unterſchied zwiſchen den länger bekannten und den durch Schillers Tochter veröffentlichten. Körner hat augenſcheinlich bei der Herausgabe der erſteren ſich nicht genau an die Manuſkripte gehalten, ſondern in der guten Abſicht, uns etwas Geordnetes und Üüberſichtliches zu geben, manches wegge⸗ laſſen, was den minder eindringenden Leſer vielleicht beirrt hätte. Darum ha⸗ ben die älteren Fragmente eine glatte, abgerundete Form, ſie bilden ein über⸗
¹) Schillers Werke in 12 Bänden. Stuttgart bei Cotta 1867. XII. 245.— ²) Joſ. Hillebrand, deutſche Nationalliteratur. 2. Ausgabe II. 311.—*) Stuttgart bei Cotta 1867.


