Über Schillers dramatiſche Fragmente. Von Prof. Edm. Aelſchker.
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Das Ideal, dem Schiller nachſtrebte, das er veranſchaulichte, war nicht die Schönheit der körperlichen Geſtalt, der ruhenden Form, ſondern das geiſtige Leben in ſeinem Werden, der Wille in ſeiner Vollführung durch die That. So ward er Dichter und weſentlich Dramatiker. Weder als lyriſcher noch als epiſcher Dichter konnte er jene Höhe erreichen, zu der er ſich als Drama⸗ tiker emporgeſchwungen. Dort war es nicht die ſinnige Entfaltung des Indi⸗ viduellen, die Offenbarung der Herzensgeheimniſſe, der Gemüthsinnerlichkeit, was ihn anzog und ihn gleich Göthe zum Seelenmaler gemacht hätte; hier würde ihm für die epiſche Poeſie die Harmonie der begebenheitlichen Schil⸗ derungen und das freie Spiel mit den eigenen Tönen der gegenſtändlichen Dinge und ihrer Verhältniſſe nicht ganz gelungen ſein. Die lyriſche Stimmung wird bei ihm ſehr bald überwältigt von dem Gewichte des Gedankens und der leidenſchaftlichen Erregung, die Sprache des Herzens leidet unvermerkt durch die Schwere der Betrachtung. In den epiſchen Ausführungen wächſt der Strom der Beredſamkeit oft allzu breit über die Begebenheit, in anderen Fäl⸗ len gewinnt die Darſtellung dramatiſche Geſtaltung.
Von den dramatiſchen Gattungen aber war es wiederum die Tragöͤdie, welcher ſich Schiller vorzüglich zuneigen mußte. Die„hohe“, die ethiſcheideelle Tragödie war ſeine eigenthümliche poetiſche Domäne, von ihr ſagt er ſelbſt, „ſie ſei eigentlich für ihn da“ und ſtellt als ihren Endzweck auf,„die Ge⸗ müthsfreiheit, wenn ſie durch einen Affekt gewaltſam aufgehoben worden, auf äſthetiſchem Weg wieder herſtellen zu helfen.“ ¹) Einen ſolchen Konflikt zu veranſchaulichen ſchien ihm des höchſten Preiſes würdig. Durch den Kampf des Menſchen mit der Natur, durch den Gegenſatz zwiſchen dem ſubjektiven mora⸗ liſchen Freiheitstriebe und der zwingenden Nothwendigkeit ſollte ein erhabenes Mitleid erweckt werden, und dieſes wiederum eine erhabene, ſittliche Kraft⸗ äußerung zur Folge haben. Und dazu ſtimmte die Subjektivität unſeres Dich⸗ terfürſten auf das beſte. War es ihm ja doch beſtimmt geweſen, fort und fort gegen das Schickſal zu kämpfen von ſeiner Jugend an bis zu ſeinem letzten Augenblicke! Schiller ſelbſt ſagt von dem Tragiker ſeiner Zeit, daſs er mit der Ohnmacht, Schlaffheit, Charakterloſigkeit des Zeitgeiſtes und mit einer ge⸗ meinen Denkart zu ringen habe. Deshalb müße die Tragödie Kraft und Cha⸗ ——Q—
z) Schillers Werke in 12 Bänden. Stuttgart bei Cotta 1867. XII. 163.
XV. Jahresbericht. 1


