Aufsatz 
Über den Spielmann im Nibelungenliede
Entstehung
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sie damals in Deutschland ausgebildet war, Volker noch keinen platz gefunden hatte, sonst wäre er unzweifelhaft in jene nordischen Lieder gekommen, die ja im ganzen die Sage viel ausführlicher berichten, als die deutschen. Ob nun in jenen dem Norden zugekommenen deutschen Liedern Gunther von Burgund der Töne kundig war, ist nicht zu entscheiden; der nordische Verfasser übertrug ganz im alten Sinne dem Könige Gunnar das Harfenspiel. Inzwischen entstand in Deutschland im Anfange des XIII. Jahrhunderts das Nibelungenlied in der Form, wie es uns jetzt vorliegt; der Harfenspieler Gunnar ist darin verschwunden und nur der König Gunther geblieben; statt seiner spielt ein Vasall seines Hauses, Volker von Alzei, die Geige: denn bezeichnend ist an die Stelle der nordischen Harfe schon die deutsche Fiedel getreten.

Wie ist nun dieser Wechsel in der Besetzung der musikalischen Rolle in der Sage zu erklären?

Der feingebildete Dichter des Nibelungenliedes, der dieses herrliche Epos nicht etwa unmittelbar aus dem Volksmunde aufgezeichnet, sondern aus der Sage und mit Benutzung bereits vorhandener Lieder geschaffen und durch Hineintragung einer überaus schönen psychologischen Motivierung zu einem Kunstwerke erhoben hat. stützte sich bei der Besetzung des musi- kalischen Principes nicht auf die ihm etwa vorliegende alte Ueberlieferung, nach welcher Gunther Meister der Töne war, sondern gieng in dieser Beziehung wie in vielen andern selbständig vor.

Bei der damals entwickelten Spielmannspoesie mag nun von den rheini- schen Spielleuten, die das Wappen der Ritter und der Burg Alzei wohl kannten und wussten, dass die Alzeier in der Umgebung spottweise die Fiedler genannt wurden, der Spielmann Volker erfunden,¹) in Liedern behandelt und hernach von dem Dichter des Nibelungenliedes mit Be- nützung jener von Volker handelnden Lieder in sein Werk aufgenommen wor- den sein; vielleicht sogar, um die Truchsessen von Alzei besonders zu ehren, die ja, wie schon bemerkt worden, wegen ihrer geringen Entfernung von Worms, dem glänzenden Schauplatze der Dichtung, auf die Teilnahme an der Sage Anspruch hatten. Den Dichter konnte dabei noch eine zweifache Rücksicht geleitet haben: einmal wenn ihm schon die alte Ueberlieferung, wonach König Gunther der Spielmann war, vor Augen schwepte, keinen ganz Fremden und Unwürdigen an dessen Stelle zu setzen, denn Volker erscheint ja als mächtiger burgundischer Ritter und vornehmer Vasall des Königs; dann, das damals so verbreitete eigentüm- liche Spielmannswesen in der Dichtung zu verherrlichen.

¹) Hat vielleicht ein Spielmann, namens Volker in Alzei wirklich gelebt? Im Alzeier Weistum, vermutlich aus dem XIII. Jht., ist auch eines Hofes der Volkerte gedacht. Vgl. Uhland a. a. O VII. s. 525.