Aufsatz 
Schluss des alten und Eröffnung des neuen Gymnasiums in Elbing / von Oberlehrer Anger
Entstehung
Einzelbild herunterladen

27

unserer Schule, wenn sie nach langer Zeit und aus weiter Ferne einmal wieder nach Elbing kamen, ihre alte Bildungsstätte aufsuchen und sich mit liebevoller und dankbarer Anhäng- lichkeit versenken gesehen in die Erinnerung der goldenen Jugendzeit, welche sie mit trauten Jugendgenossen in wetteiferndem Streben nach den Zielen der höhern Geistes- und Herzens- bildung unter der Führung wohlwollender Lehrer hier verlebt haben. Noch schwebt mir das Bild eines hochbetagten Ehepaares vor Augen, das vor einigen Jahren die Grenzen des Gym- nasialgebäudes umwandelte und Alles, was von aussen sichtbar war, mit besonderem Interesse in Augenschein nahm, bis ich mich ihnen näherte, den Mann, einen hochgestellten Beamten, der seit Kurzem in den Ruhestand getreten war, anredete und mich zur Führung durch die innern Räume des Hauses erbot. Da erfuhr ich denn, dass derselbe am 18. April 1821 durch den Director Mund zur Universität Königsberg entlassen und dort ein begeisterter Anhänger der Herbart'schen Philosophie geworden sei. An allem Gezeigten konnte er sich nicht satt sehen und nach der Rückkehr in seine Heimath sendete er mir einen von Freude und Dank überströmenden Brief, in dem er bezeugte, dass der Tag, an dem ihm vergönnt gewesen sei, die Stätte seiner Jugendbildung bis ins Einzelnste wieder zu sehen und das Andenken an seine geliebten Jugendbildner von Neuem aufzufrischen, zu den glücklichsten Tagen seines Lebens gehöre. Möchtet Ihr Alle, geliebten Schüler, diesem ehrwürdigen Manne gleich, der- einst mit Cicero sagen können: Nemo est nostrum liberaliter educatus, cui non educatores, cui non magistri sui, cu non locus ipse mutus, ubi altus et doctus est, cum grata sempei recordatione in mente servetur. Niemand ist unter uns zu freier Bildung erzogen, dem nicht seine Erzieher, dem nicht seine Lehrer, dem nicht die stillen Räume selbst, wo er seine Bil- dung und Belehrung empfangen hat, mit dankbarer Erinnerung stets in treuem Gedächtniss bewahrt blieben.

In unserem altehrwürdigen Gebäude wird das Gymnasium am morgenden Tage seine Wirksamkeit für das Heil der Jugend mit der Censur und Versetzung der Schüler beschliessen, um sie nach den Osterferien in der neuen ihm geschaffenen Wohnstätte wieder aufzunehmen und weiter fortzuführen. Diesen Zeitpunkt habe ich für den geeignetsten gehalten, auch meine leitende Thätigkeit für das Gymnasium in denselben Räumen zu beschliessen, in welche ich am 21. September 1844 durch die Wahl des hiesigen Magistrats als letzter Director des städtischen Gymnasiums berufen wurde. Wohl wird es mir unsäglich schwer, von einer Anstalt zu scheiden, deren Wohl ich mehr als die Hälfte meiner Lebensjahre hindurch Tag und Nacht auf dem Herzen getragen habe. Allein die Rücksicht auf mein vorgerücktes Alter und auf meinen Gesundheitszustand, der die Anstrengungen des Amtes und die für mich un- vermeidlichen langwierigen Nachtwachen nicht länger ohne die offenbarsten Nachtheile zu er- tragen vermochte, liess es mir als Pflicht erscheinen, von der vorgesetzten Behörde die Gewäh- rung des Ruhestandes nach 37 ½ jährigem Directorate am Gymnasium zu erbitten.

Ich kann meine Amtsführung nicht anders niederlegen, als mit dem inbrünstigsten Danke gegen Gott, der mir nach schwerer Lebensgefährdung schon im zweiten Jahre nach meinem Amtsantritte doch wieder Gesundheit und Kraft verliehen hat, das Directorat länger als irgend einer meiner Vorgänger zu führen, mit ehrfurchtsvollem Danke gegen Seine Maje- stät unsern allgeliebten Kaiser und König, dessen fürsorgende Huld, wie über Alles, was mit