Aufsatz 
Die Aeneis, die vierte Ecloge und die Pharsalia im Mittelalter
Entstehung
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länger. Für die Schätzung Vergils beginnt mit der editio princeps seiner Werke ¹⁸*) eine neue Epoche; er tritt allmählich hinter Homer zurück; er muss fortan einzig mit seinem Werthe zahlen. Dieser Werth war gross genug, um ihm die höchste Verehrung der Gebildeten zu erhalten, einen Nachfolger wie Tasso zu sichern und seine Dichtungen noch im 18. Jahrh. zum bevorzugten Gegenstand kritischer und ästhetischer Behandlung zu machen. Immerhin war das Urtheil nunmehr frei, und eben das romantische Element, das ihn den mittleren Zeiten so werth gemacht, gereichte ihm jetzt zu Un- gunsten. Es ist bemerkenswerth, dass vom 17. Jahrh. an die bewusste Travestie sich Vergils bemächtigt; sie hängt sich gerne an seine empfindsamen Episoden, überhaupt an seine Schwächen. Von den Werken dieser Art ist das älteste die Eneide travestita von Giov. Battista Lalli(f 1637), das geistvollste der Virgile travesti von Scarron, das bekannteste Blumauers Buch; Scarron weiss Vergils kleine Verstösse mitunter köstlich zu benutzen 1¹⁵s).

Schlimmer als dem Dichter der Aeneis musste es im Zeitalter unbefangener Wür- digung dem Lucanus ergehen. Wo ein hervorragender Geist ihm noch Verehrung bezeigt, geschieht es meist aus Achtung für seine republikanische Sinnesart; so bei Montaigne, wenn er bemerkt ¹⁸⁴): J'aime aussi Lucain et le pratique volontiers, non tant pour son style, que pour sa valeur propre et vérité de ses opinions et ingements. Wenn auch Lucan unter den Philologen eifrige Lobredner fand, so lässt doch sein höchst sorgfältiger Herausgeber Peter Burmann in einer überlangen Beurtheilung ¹30⁰) so zu sagen kein gutes Haar an ihm, und Friedrich der Grosse überbietet Quintilians Urtheil durch den Ausspruch, die ganze Pharsalia seieine schwülstige Gazette.

Die Wandlungen, die Vergil erfuhr, die christliche Deutung, das ausgesponnene

Schmuckwerk mussten dem Humanismus und der kritischen Philologie geschmacklos,

1*1) Gedr. in Rom 1467 oder 1469, sub auspiciis Paulli II, durch die Deutschen Conrad(Schweinbeim) und Arnold(Pannartz).

¹e*) Zur Mahnung des PhlegyasDiscite justitiam bemerkt er: Ceite seutence est bonne et belle; Mais en enfer à quoi sert-elle? Wo Aeneas Thränen vergiesst, sagt Scarron: Je crois vous avoir déja dit, Qu'il donnoit des pleurs à credit.

188) Essais, Livre II, chap. 10: des livres.

12°) Leydener Ausg. von 1740, 15 Blätter der praofatio.