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berichtet: Als einst ein Geistlicher den Teufel im Namen des heil. Virgilius(von Salz- burg) bedrohte, raunte der Däamon ihm die Frage zu: wer denn dieser Virgilius sei? „Der Poet von Mantua“ war die Antwort 1⁸6). Mit dieser, einem Kleriker zugeschrie- benen charakteristischen Verwechselung mögen unsere Nachweise schliessen.
Uebersichtlich ergibt sich etwa Folgendes. In den ersten Jahrhunderten, bei dauernder Wirkung des Alterthums, lebt auch Vergil fort, jedoch unter entstellenden Einflüssen, wie sie einer, sinkenden Periode eigen sind. Vom 6. Jahrh. an wendet sich der herbe Zeitgeist von ihm ab; unter dem Schutze der Allegorie und der christ- liehen Deutung bleibt er jedoch der Schule und dem Leben erhalten. Unter den Karolingern, mehr aber unter den Ottonen geniesst er einer frohen, klaren Verebrung; er regt zu selbstständiger Nachbildung auf volksthümlicher Grundlage an. Mit Beginn der Kreuzzüge wird er von der mächtig erregten Zeit zum Genossen ihrer Sinnesart umgestaltet; sein Held kleidet sich in romantisches Gewand. Zugleich dient er mit seinem Werke dazu, eine Weltanschauung begründen zu helfen, die sich unter den späteren Staufern weiter entwickelt, um sich bei Dante zu vollenden. In der Gährung der Bildungsstoffe zum Ausgang des Mittelalters nimmt auch sein Bild schwankende und abenteuerliche Züge an, mag er nun als christlicher Seher oder als Magier auf- treten. So spiegelt er wie ein mikrokosmischer Auszug die Geistesbildung emer Folge von Jahrhunderten.
Die Neuzeit mit ihren vielseitigen, stets erneuten Lebenskräften liess auch das Scheinbild einer abgeschlossenen Geschichtsansicht nicht bestehen. Das Reich, das an Cäsar anknüpfte, neigte zum Sturz; die Kirche, der die römische Monarchie zur schützenden Form dienen sollte, bestand schwere Kümpfe. Wissen und Kunst strebten aus den vorgezeichneten Umrissen hinaus. Aristoteles verlor sein gebietendes Ansehen; man beschied sich dahin, einem fertigen Systembau vorerst zu entsagen, um die Idee künftig aus der freien Beobachtung des Wirklichen aufkeimen zu lassen. Das Alter- thum wurde in vollem Umfange bekannt; auch hier drang die objective Beurtheilung
durch. Seine Würdenträger behielten ihre zum Voraus angewiesenen Stellungen nicht
19*) At ille Clerns(st. Clericus) Mantuanum poetam fuisse respondit. Acta SS. Jun. 4, pag 268 5*


