Aufsatz 
Die Aeneis, die vierte Ecloge und die Pharsalia im Mittelalter
Entstehung
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strickt, bis er sich zum Reitpferd aufzäumen lässt. Das Motiv zu den beiden Stück- chen und zu dem unglaublichen Anklang, den sie fanden, darf wohl tiefer in den Ansichten eines Jahrhunderts gesucht werden, das sich zur Ausbildung der Faustsage anliess. Stolze Weisheit schützt nicht vor lüsterner Anwandlung und ihren schmäh- lichen Folgen; ja der hochgelehrte Klügling wird am schlimmsten durch die natürliche Schalkhaftigkeit der Frauen bethört. Schon Frauenlob ¹⁸²) stellt die zwei Beispiele zusammen; Hans Sachs behandelte die Geschichte von Aristoteles mit Behagen und nennt als Nigromanten auch den Virgil, der bei ihm am Hofe des Königs Artus lebt ¹³). In Elfenbein, in Miniaturen, in Zeichnungen wurden beide Schwänke darge- stellt; von letzteren ist die berühmteste die von Sprengel, dem Maler Kaiser Rudolfs II.; der Stich von Sadeler, den Aristoteles darstellend, heisst bei Kunstfreunden,le philo- sophe. Auf einem Handtuche, das bei der Krönung Karls V. gebraucht wurde, sind als Beispiele für den Triumph der Liebe über Verstand und Kraft zwei Helden des alten Testaments und zwei Weise von Hellas und Rom eingewirkt: David mit Bath- seba, Simson mit Delila, Aristoteles mit Phyllis und Virgilius im Korb mit seiner Dame ¹⁵⁴). Vielleicht als warnendes Beispiel bethörter Profanweisheit fanden die letzt- genannten beiden selbst in kirchliche Chorstühle Eingang; man findet sie als Schnitz- werk in den Hauptkirchen von Caën und Rouen.

Französische Gelehrte sahen in der Person des Zauberers eine so unwürdige Ab- weichung von der hohen Dichtergestalt, dass sie meinten, man dürfe vielleicht in jenem eher den Bischof Virgilius von Salzburg erkennen, der wegen strafbarer Meinungen (er glaubte an das mögliche Dasein von Antipoden, d. h. an die Kugelgestalt der Erde) vom heil. Bonifacius beim römischen Stuhl angeklagt wurde. Derselbe starb 784 ruhig in seinem Bisthum, berühmt als Apostolus Karinthiae; im Jahre 1181 wird er als Wunderthäter gepriesen ¹⁸5), später heilig gesprochen. Dieser Persönlichkeit aber fehlen

vorweg alle Beziehungen zu Rom und Neapel. Eine fast humoristische Legende

162) I. 7 12; v. d. Hagen Minnes. III, 355. ¹2) Hans Sachs, Ausg. v. 1550, I, 347. 164) Otie, Handbuch der kirchl. Kunst-Archäologie, S. 183.

¹18s) Vitae et miracula Sanctorum Juvavensium, ed. Wattenbach, Mon. SS. NXI, 84.