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Wer die spitzfindigen Geistesspiele jener Zeit kennt, wird es begreifen, dass auch des Dichters Name in seinem Anklang an virgo und virga für den Glauben an seine Christlichkeit von Einfluss war 1*). Jener Zweig des Aeneas heisst einmal(Aen. VI, 408) auch venerabile donum fatalis virgae. Virga hiess Christus als der Zweig, die Gerte, die der Wurzel Jesse entspross; beide Wörter gehen in lateinischen Hymnen höchst ungrammatisch in einander über; so z. B. ³⁰)„Natus est ex virgo(sic) flos, Mortem passus propter nos; Natus est ex virga nux, Ex Egypto nobis dux, Cujus virga fuit crux.“
Die Erhebung Vergils zum Messiasboten diente im Anfang des Mittelalters zur Versöhnung mit den Studien, am Ausgang desselben zum sinnbildlichen Zierrath für eine fertige Weltansicht. Dazwischen liegt die oben bezeichnete zweite Periode, wesentlich die Ottonenzeit, die man wohl als eine verfrühte Renaissance bezeichnet hat. An treuem Eifer, an Reinheit und Frische steht sie dem Jahrhundert der Humanisten mindestens gleich; sie hat nicht ihr volksthümliches Wesen der antiken Form geopfert. Vor allen Dichtern des Alterthums aber wurde im 10. Jahrh. Vergil zum Muster erhoben; man würdigt ihn mit mehr Verstand und Klarheit als vor- und nachher; man bildet sich an ihm; von seinem Christenthum ist kaum die Rede und als Magier tritt er noch nicht auf. Chronisten, Verfasser geschichtlicher Epen, Mönche von St. Gallen schmücken ihre Schriften mit vergilischen Versen. Sie erfassen ihr Vorbild mit männ- lichem Geist und halten sich mehr an die Aeneis als an die Bucolica ³l). Schon Angilbert ³²) schliesst sich mit bemerkenswerthem Geschick an das römische Epos an. Der Dichter des Panegyricus Berengarii, der kurz nach der Kaiserkrönung seines Helden(915) schrieb, zeigt genaue Bekanntschaft mit Vergil, aus dem er einzelne
Verse entlehnt ⁸³). In der Cantilena de S. Gallo(Pertz II, 33) wird Vergil als faleratus
1⁰) Man sprach jedenfalls schon sehr früh Virgilius; ich behalte diese Form für Citate und für den Zau- berer bei, sonst die neuerdings mit Reeht eingeführte Vergilius.
8⁰) Vgl. Engelhard, Herrad von Landsberg und ihr Werk. In einem von Raynouard herausgegebenen Mister singt Jesaias: Est necesse virga Jesse de radice provehi. S. auch Hoffmann Gesch. des Kirchenl., S. 33 ff.
81) Am Hofe Karls d. Gr. nimmt man aus Vergil noch Schäfernamen an, wie Menalcas, Tityrus u. a.
*²) Er ist wohl der Verf. des Epos über Karl d. Gr. und Leo III; vgl: Wattenbach, Deutschlands Ge- schichtsquellen im M. A., S. 102.
83) Pertz. Mon. SS. IV, 189 sqd.; Wattenbach S. 159.


