Aufsatz 
Die Aeneis, die vierte Ecloge und die Pharsalia im Mittelalter
Entstehung
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Geister wie Beda Venerabilis wussten die christliche Denkart mit dem Studium der Alten, namentlich Vergils, weise zu vereinen. Aber schon vorher traten vorzüg- liche Dichter wie Juvencus und Sedulius auf, vergilianische Christen, die bei der Dar- stellung biblischer Gegenstände den reinen Styl des Meisters nicht verleugneten. Bis zur Humanistenzeit standen diese jetzt vernachlässigten Epiker in hohen Ehren: Ju- vencus ⁶⁰) wird noch von Petrarca bewundert. Den Spuren Vergils nachgehend, wagt er wohl auch eine directe Entlehnung; den Aufblick des guten Schächers zu Christo schildert er mit demselben Vers ⁶¹), den die Aeneis von der geraubten Cassandra braucht. Die Ehrfurcht, welche Fortunatus unserem Dichter zollt, erinnert schon an jene demüthige Hingabe, die Dante so rührend auszusprechen weiss. Abälard sagt: Inspice quam integre et aperte[Virgilius] Christianae fidei de Christo summam amplec- tatur 62). Die Geltung der 4. Ecloge tritt am merkwürdigsten in einer Vita des heil. Donatus hervor, der um 816 Bischof zu Fiesole war). Dieser erschien vor seinem Tod in der Versammlung der Brüder; er bekannte seinen Glauben in einer ergreifen- den Ansprache, darin es von Christo heisst: Qui, sancto nostras mundans baptismate culpas lam nova progenies celo demittitur alto*), Noxia qui vetiti dissolvit prandia pomi. Sodann bekreuzte er sich, segnete die Anwesenden und ging zu sterben.

Aber noch entschiedener bemächtigte sich die Kirche des Seherspruches. In einem lateinischen Misterium, aufgeführt zu Rouen am Weihnachsttage, sang ein Chor dem Dichter zu: Maro, vates Gentilium, Da Christo testimonium. Im Buche ⁶⁵³) folgt nun die Anweisung: Virgilius in iuvenili habitu, bene ornatus, respondeat: Ecce polo

demissa solo. Ein ähnliches Beispiel weist Du Mérilé⁶) nach seiner Versicherung schon

⁰½) Historiae evangelicae libri IV; die Ausgabe von Arevalo(Rom 1792) ist abgedruckt bei Migne, Patrol., T. XIX.

*¹) Ad coelum tendens ardentia lumina frustra; Aen. II, 405.

) Vgl Zappert, Virgils Fortleben im M. A.; inDenkschriften der Wiener Akad. der Wissensch., philos.-hist. Klasse, II. Wien 1851. S. 17 ff.

22) Handschrift in der Laurentiana zu Florenz, Pluteus XXVII, cod 1, Vitae patrum; darin: Jncipit vita Sancti Donati Scoti.

4⁴⁴) Ecl. IV, 7. *³) Vgl. Ducange, Gloss., Ausg. von Henschel(Paris 1840 50) III, 255. ) Origines latines du théâtre moderne, p. 184. 2*