Wenn Alcuin das Lesen des Vergil sittenverderblich findet ¹³), so versucht sein jüngerer Zeitgenosse Thiodulf(† 821 als Bischof von Orleans) für ihn wie für Ovid und Andere die Rechtfertigung: In quorum dictis quanquam sint frivola multa, Plarima sub falso tegmine vera talent. 5⁰) Bei Odo von Clugny(† 941) trat nochmals die herbere Denk- weise hervor; er liess sich vom Lesen des Vergil durch ein Traumgesicht abschrecken, das ihm den Dichter als ein überaus schönes, aber mit Schlangen gefülltes Gefäss zeigte. 5¹).
Die Gegensätze bedurffen der Ausgleichung; für die Heranbildung der neuen Ge- schlechter war Vergil nicht zu entbehren. Ja dieselben Männer, die das Eindringen heidnischer Begriffe fürchteten, waren dem hohen Dichter mit Liebe zugethan. S. Hie- ronymus verwahrte sich im Alter gegen allzustrenge Folgerungen aus seinem Fieber- traum; berufe sich doch sogar Paulus auf Poeten und führe einen Vers aus Menander an ⁵²)! Als er in der Einsamkeit im Morgenlande die welterschütternde Nachricht von Roms Eroberung durch Alarich erhielt, gab er dem tiefen Schmerz Ausdruck in den Worten der Aeneis: Quis cladem illius noctis, quis funera fando Explicet aut possit la- crimis aequare dolorem ⁵³)? Noch merkwürdiger ist die Rede S. Augustins nach dem Eintreffen derselben Nachricht in Hippo. Augustin schämt sich der Thränen nicht, die er als Jüngling über Dido's Schicksal geweint; er empfiehlt Vergils Dichtungen für die Jugend ⁵⁴) und hatte zu Cassiciacum täglich mit Freunden einen halben Gesang der Aeneis gelesen. Da nun die heidnisch Gesinnten klagen, dass Christus die Stadt schlechter beschütze als die alten Götter, knüpft Augustin seine Betrachtungen an einen
Vers der Aeneis, darin Jupiter die ewige Dauer Roms weissagt. 5⁵) Vergil aber, meint er,
¹⁴) Nec egetis luxuriosa Virgilii vos pollui facundia; Alc. opp. ed. Froben, I, pag. LXVI.
³⁰) Carm. IV, 1; Thiodulfs Werke bei Migne, Patrologie, CV, 187 seqq.
*¹) Du Meril t. c. 462 aus Mabillon, Vitae Sanctorum, V. Saec„ 154.
*²) S Hieron. Epp., 83(ad Magnum).
²²) Dolorem st. labores; Aen. II, 362.
*⁴) Viegilium pueri legant, ut poeta magnus omniumque praeclarissimus atque optimus, teneris imbibitus annis, non facile oblivione posset aboleri. Aug. Civ. Dei; I, 3.
*³) S. August. sermm. 105, cap. 7; Aen I, 278.


