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benannt wird(sortes vergilianae). Die ältere Zeit hatte Spruchtäfelchen, die ein Knabe zog ²⁰); aber schon Hadrian bediente sich vergilischer Gedichte. Alexander Severus liess sich durch eine beim Loosen getroffene Stelle der Aeneis bestimmen, seine musischen Studien mit dem Staats- und Kriegsleben zu vertauschen ²¹⁷)! Auch dieser Brauch erhielt sich bis in die Neuzeit. Moriz von Sachsen soll aus einem Vers der Aeneis ²²) die Ahnung seiner künftigen Grösse geschöpft und Carl I. von England mit Bestürzung die Stelle aufgeschlagen haben: At bello audacis populi vexatus et armis ²³). Die Kirchenväter erhoben sich mehrfach gegen die Unsitte, namentlich da man die heiligen Schriften zu gleichem Zwecke zu verwenden begann. Augustinus zumal findet es thöricht, aus dem jeweiligen Zutreffen des Orakels Folgerungen zu ziehen: Si de paginis poetae cuiuspiam longe aliud canentis atque intendentis cum sortem quis con- suluit, mirabiliter consonus negotio saepe versus exiret, mirandum non est ²⁴).
Das 4. Jahrhundert verehrt bereits in Vergil einen Gelehrten und Meister verbor- genen Wissens. Schon Seneca hatte von ihm gesagt: divino furore instinctus salutare carmen cecinit ²5). Apulejus fand in der achten— freilich nach Theokrit gearbeiteten— Ekloge die kundigste Darstellung magischen Treibens. In den Saturnalien des Macro- bius bezieht sich eine Reihe von Betrachtungen auf YVergil ²⁰); zwei der Sprecher rühmen seine tiefe Kenntniss theologischer Alterthümer: mirandam et circa nostra et circa externa sacra doctrinam; auch sein astrologisches Wissen wird hervorgehoben.
Zum 7. Buch der Aeneis bemerkt Servius: totus scientiae Virgilius plenus est;
und zu dem kosmologischen Vortrag des Anchises ²⁷) erklärt er: dicuntur multa per
²0) Pueri manu miscentur et ducuntur, Cic. de divin. II, 41, 86.
*21) Lampridius XIV; s. Historiae Augustae scriptores ed. Casaub-, pag. 118. Die Stelle findet sich Aen. VI, 854 seqq.: Hae tibi erunt artes cet.
22²) Curibus parvis et paupere terra missus in imperium magnum; Aen. VI, 812; vgl. Rödiger, sächs. Merkwürdigkeiten, S. 751.
²²¹) Aen. IV, 615, bis zu: cadat ante diem.
²⁴) S. August. Confess. IV, 3. Man lese jedoch, wie durch das Aufschlagen einer Bibelstelle seine Bekehrung vollendet wurde, Conf. VIII, 12.
²³⁴) Sen. de brevitate vitae, 9.
²⁴) Macr. Sat. Lib. I, c. XXIV u. a.
21) Aen. VI, 724 seqq.


