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für die Schätzung des Dichters und seines Werkes an sich, doch um so mehr für die Erkenntniss des Geistes der Jahrhunderte. Wir gewinnen einen Blick in die Werk- stätte desselben, indem wir das wohlbekannte Urbild mit seiner Spiegelung im Zeiten- laufe vergleichen.
Wir unterscheiden drei Epochen, ohne sie im Folgenden streng auseinander zu halten. In der ersten, bis zur Zeit der Frankenkönige, bleibt das Andenken der lateinischen Dichter in stäter Fortwirkung, abgesehen von der geringen Einbusse, die es durch die Abneigung vieler Christen gegen profane Märchen erlitt. Die Kraft und der Umfang dieser Fortwirkung wird noch vielfach zu gering angeschlagen. ²)— Anders gestaltet sich das Verhältniss in der Zeit der Karolinger und der Ottonen. Die gelehrten Kleriker stehen nicht mehr im Alterthum wie in einer lebendigen Strömung: sie sehen es als einen geschlossenen Kreis, als Gegenstand des Studiums sich gegenüber. Vor allem erscheint ihnen Vergil als mustergiltig; er wird citirt, empfohlen, erklärt; er dient als Vorbild für freie Arbeiten. Wiederum verschieden ist die Stellung, die das Mittelalter in seiner höchsten Lebensthätigkeit, vom 12. Jahrh. an, zu ihm einnimmt. Die Aeneis wird zum Pfeiler für eine mit kühner Einbildungs- kraft erbaute, doch im Wesen und Einfluss concrete Geschichtsanschauung; sie wird für dieselbe so bedeutsam wie Aristoteles für andere Kreise des Wissens. Der Dua- lismus jener Zeit wird in grossem Schwung auf Christus und Cäsar zurückgeführt; das Gedicht, welches den Aeneas als Ahnherrn des Kaiserreiches verherrlicht, erschien wie ein Mond neben der Sonne des Evangeliums. Der kunstreiche Meister aber, der es ge- dichtet, muss es sich gefallen lassen, wenn er wie Alexander, Pilatus oder Papst Gregor der Held eines an die Geschichte lose geknüpften Märchens wird.
Schon zu Vergils Lebzeiten wurde die Aeneis neben die Ilias, ja in begeistertem Dichterausdruck über sie gestellt.l) Das Volk erwies dem Dichter im Theater Ehren-
bezeigungen wie dem Augustus.¹) Die Vorliebe des Herrschers für ein Werk, das die
¹) Vergl. jedoch Giesebrecht, de litterarum studiis apud Italos eet., Berol. 1845; noch eingehender Oza- nam, des écoles en ltalie aux temps barbares, Oeuvres complètes, II, S. 353. cet.
¹) Propert. II, El. 34, v. 65.
⁴) Dial. de oratt., 13.


