Aufsatz 
Die Aeneis, die vierte Ecloge und die Pharsalia im Mittelalter
Entstehung
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Di wenigen grossen Geisteswerke des Alterthums, die den christlichen Ge- schlechtern fortwährend bekannt blieben, waren für das Mittelalter selten ein Gegen- stand objectiver Behandlung. Dasselbe verfuhr mit allen Bildungsstoffen, deren es mächtig war, selbstthätig und schöpferisch. Jahrhunderte lang arbeitete es am Ausbau einer sinnreichen, abgeschlossenen Auffassung der Welt und der Geschichte, die, etwa zu Dante's Zeit, einem Dome gleich, zur Vollendung kam. Wie in einem solchen jede Nische ein symbolisches Schmuckwerk birgt, so erhielt in jenem Gedankenkreise jedes Werk der Vorzeit seinen angewiesenen Platz und Beziehungswerth. Die wissen- schaftlichen Begriffe standen im Banne symmetrischer Vorstellungen. Um eine kritische oder rein ästhetische Behandlung zu ermöglichen, bedurfte es in der Literatur eines Umschwunges, ganz dem ähnlich, den man für die Naturwissenschaften an Bacon's Namen zu knüpfen pflegt.

Bei keinem Schriftstücke des Alterthums lässt sich dies so deutlich und ergiebig nachweisen, wie bei der Aeneis. Sie wurde zu einem solchen Ehrenplatz erhoben, dass sie sümmtliche Profanschriften überragte und selbst die Werke eines Augustinus und Bobthius in Schatten stellte. Ihr Verfasser ist im 13. Jahrh. für das gesammte christliche Abendland ¹) eine volksthümlich sagenhafte Gestalt, für die drei Städte aber, wo er geboren ward, lebte und starb, ein Ortsheiliger, ein Heros geworden. Die Be-

trachtung, wie Vergil zu dieser Stellung gekommen, ist lohnend; allerdings kaum

¹) Für Spanien fehlen näbere Nachweise, wenn auch Juan Ruiz(um 1313) den Zauberer Virgilius er- waͤhnt; aber selbst Island kannte denselben; s. Einar, Historia literaria Islandiae, pag 106; Nyerup, dän. Volksbücher(1816), pag. 203. 1