Aufsatz 
Die Behandlung der deutschen Grammatik an den höheren Lehranstalten
Entstehung
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11.

Auch Hamann ¹) lagt einer eindringlichen Besprechung der grammatischen Korrek- turen grossen Wert bei, indem er gleichzeitig auf die Verderbung des Stiles durch das Zeit- ungsdeutsch aufmerksam macht. Gerade aber durch dieses fortwührende Gegenüberstellen falscher und richtiger Ausdrücke und Wendungen lassen sich nicht nur grammatische Fehler, sondern auch die vielfachen Schwankungen unseres Sprachgebrauches wenigstens zum Teil be- seitigen. ²) Wenn wir aber bei dem fremdsprachlichen Unterrichte, und zwar mit vollem Rechte, durch Randkorrekturen, zweite Niederschriften und dergl. energisch die Fehler auszumerzen suchen: wie wollten wir es wohl rechtfertigen, wenn wir bei unserer Muttersprache weniger auf

Reinhaltung derselben binarbeiteten?

A

Wenn wir ferner den grammatischen Unterrichtsstoff auf die einzelnen Klassen ver- teilen sollen, so ergibt sich nach reiflicher Erwügung folgender Plan.

Für Sexta: Flexion der Nomina; Steigerung der Adjectiva; die Wortklassen; der einfache und der einfach erweiterte Satz.

Quinta: Das Verbum mit seinen Stammzeiten und Konstruktionen; der mehrfach

erweiterte und der zusammengezogene Satz; weitere UÜbungen in der Flexion.

Quarta: Satzverbindung und Satzgefüge; die Konjunktionen, in vielen mündlichen und schriftlichen Beispielen. Zusammenfassung des von der Deklination und Konjugation Gelernten. ur

Unter-Tertia: Die Lehre von den Präpositionen; schwierigere Konstruktionen tran- sitiver Verben. Zusammenfassung des über die Konjugation bisher Dagewesenen. Die Satzverbindung und das Satzgefüge im weitesten Umfange.

Ober-Tertia: Die Periode; die Wortbildungslehre, an zahlreichen Beispielen er- läutert. Repetition sämtlicher vorherigen Pensen.

Sekunda und Prima. Gelegentliche Besprechungen grammatischer Dinge und Wiederholungen, besonders im Anschluss an die Korrekturen der Aufsätze

Bei dieser Verteilung des grammatischen Stoffes wird man unschwer die Berüecksieh- tigung des fremdsprachlichen Unterrichts, besonders des Lateinischen und des Griechischen, erkennen. In erster Linie gilt dies von der Lehre von den Präpositionen und Konjunktionen. Denn ein solchées Ineinandergreifen kann nur segensreich sein. Die Satzlehre ferner kann nieht erst in den Mittelklassen vorgenommen werden, und müssen wir mit Huckerta) die Be- denken des auf diesem Gebiete so hoch verdienten Kern) als zu weitgehende bezeichnen. Die von ihm aufgestellte Terminologie aber konnten wir, so sehr wir auch im ganzen von ihrer Berechtigung überzeugt sind, noch nicht einführen, da über diesen Gegenstand erst noch grössere Einigung erzielt werden muss.

Es bleibt uns endlich noch die Besprechung der Frage übrig:Soll dem deutsch- grammatischen Unterrichte ein Lehrbuch für die Schüler zu Grunde gelegt werden, und, wenn dies bejaht werden sollte, wie muss ein solches beschaffen sein? Für Sexta und Quinta halten wir den Gebrauch eines Leitfadens für unnötig, da in diesen beiden Klassen die über- wiegenden Flexionsübungen und Satzbildungen mehr praktisch geübt, als gedächtnismässig behandelt werden sollen. Wenn dann aber in Quarta die Repetition. der Flexionslehre und die Vertiefung derselben eintritt, und die Satzlehre erweitert werden muss, dann halten wir mit O. Richter) einen Leitfaden, der kurz und übersichtlich gefasst ist, für unbedingt er- forderlich. Denn nicht nur ist qie feste Einprägung des praktisch Gelernten ohne einen solchen ein eitel Ding, sondern es können auch die Korrekturstunden nur dann wirklichen ¹) Déutsche Korrekturstunde, Progr. des Gymn. au Gumbinnen 1854. 7 ²) Mit Nutzen ist dabei zu gebrauchen: Sprachgebrauch und Sprachtehtigkeit im Deutschen, von Andresen, Heilbronn beis Henninger; 5. Aufl. 1885.. W

²) Gymnasium, Jahrg. 1884, No. 16.

4) Zur Methodik des deutschen Unterrichts, Berlin 1884, p. IV.

) Der deutsche Unterricht an den höheren Schulen p. 9. f. f.