Aufsatz 
Die Behandlung der deutschen Grammatik an den höheren Lehranstalten
Entstehung
Einzelbild herunterladen

9

verschiedenen Teile des Lesebuchs von Hopf u. Paulsiek bieten; z. B.: Wen Gott lieb hat,

den züchtigt er. Was dem Menschen das Leiden, ist dem Weinstock das Schneiden. Gut verloren, wenig verloren; Mut verloren, viel verloren; Ehre verloren, alles verloren, und viele andere. Indem wir diese Sätze zerlegen lassen, finden wir Gelegenheit, in verhältnis-

mässig kurzer Zeit ganze Abschnitte der Grammatik zu wiederholen. Auch ist das Einprägen solcher Sprichwörter und Sprüche von besonderem erziehlichem Werte, namentlich wenn man darauf hält, dass sich die Schüler dieselben stets gegenwürtig erhalten.

3. Satz- und Wortanalysen.

Es wäre nun aber verfehlt, wollte man bei diesen beiden UÜbungen stehen bleiben. Würden doch dann viele grammatische Erscheinungen, wie z. B. die wichtige Verbindung der Präpositionen, die Wortbildung, die Konstruktion vieler Verben und vieles andere nicht zweck- mässig behandelt und eingeprägt werden können. Denn nichts ist unfruchtbarer und ab- stumpfender, als diese Dinge im trocknen Lehrtone den Schülern vorzutragen und sie dieselben, ohne das belebende Beispiel, gedächtnismässig einlernen zu lassen. Sondern hier müssen in erster Linie die Satz- und Wortanalysen helfen. Nur dürfen sie nie unmittelbar an die Lektüre, und am allerwenigsten an die poetische, angeschlossen werden; das letztere schon um deswillen nicht, weil um keinen Preis der Duft und der Zauber des poetischen Gebildes zerstört werden darf. Dagegen werden gut gewählte prosaische Stücke aus dem eingeführten Lesebuche gewiss erwünschte Dienste leisten. Aus dem ziemlich verbreiteten Leitfaden von Hopf u. Paulsiek haben wir folgende Nummern für die einzelnen Klassen als empfehlenswert kennen gelernt und benützt. Für Sexta: No. 30. Das brave Mütterchen. 38. Geschichten von Herkules. 39. Die Fahrt der Argonauten. 63. Die Kokospalme; der Brotbaum und der Pisang. Für Quinta: 78. Sisyphus, Bellerophon. 79. Aakus. Peleus. 87. Coriolan (teilweise). 99. Friedrichs des Grossen Sieg bei Rossbach. 103. Die Obstbäume. 109. Das Kamel. 111. Das Gewitter(besonders zur Einübung der Satzverbindung). 120. Die Hütte. 122. Der Besuch auf dem Pachthofe. 127. Wüstenreise. Für Quarta: Zunächst die Fabeln von Lessing, wegen ihres klaren und einfachen Satzbaues; ausserdem 32. Wunderbare Rettung des Dichters Arion. 37. Die Hunnen. 39. Tejas, der letzte König der Ostgoten. 52. Deutschlands vorzüglichste Laubhölzer(teilw.). 58. Der Storch. 61. Die Dürre in der Ileide. 80. Die Mühle. Für Tertia: 264. Das Testament. 273. Der Weinstock. 275. Gottes Lohn.

Bei diesen Analysen handelt es sich nicht nur um das Zerlegen der einzelnen Satzge- bilde in ihre einzelnen Bestandteile, sondern auch um gelegentliche Umformungen des vorlieg- enden Satzes in einen gleichwertigen anderer Bauart, der beiordnenden in unterordnende und umgekehrt. So wird, wie wir auch oben schon gezeigt haben, das grammatische Verständnis

der Schüler immer lebendiger und klarer. Aber auch das genügt noch nicht. Auch die einzelnen

Wortklassen, Substantive mit ihrem Artikel, im Singular und Plural, wobei auf fehlende oder auf- fallende Pluralbildung hingewiesen werden muss, Adjektive mit ihrer Steigerung, Präpositionen mit ihren verschiedenen Kasusverbindungen, Verben mit ihren gewöhnlichen und seltenen Konstruktionen: alles dies ist analysierend an ein solches Lesestück anzuknüpfen. Dabei bietet sich dann vielfache

Gelegenheit, auf besonders wichtige und auffallende Erscheinungen aufmerksam zu machen.

Um nur einiges hervorzuheben, so wird der Lehrer gewiss nicht unterlassen, auf den mund- artlich schwankenden Gebrauch des Artikels, in Beispielen wie: Der Bach und die Bach, auf Unterschiede, wie: der Mut(Unmut, Missmut), und die Schwermut hinzuweisen. Auch an gelegentlichen Ausführungen über einzelne Kapitel aus dem so lehrreichen und anregenden Gebiete der Wortbildung wird es nicht fehlen. Anknüpfend z. B. an das Verbum: entdecken wird man analoge Bildungen von den Schülern finden lassen, dabei ein Wort über die ur- sprüngliche bildliche Bedeutung sagen und ihnen so ein grammatischesStück Kuchen bieten, um mit Rud. Hildebrand!) zu sprechen. Auch wenn man ihnen zeigt, warum os zwar

¹) Vgl. besonders p. 81 ff. in seiner mehrfach angeführten Abhandlung.