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Nur das Eine wollten wir erreichen, dass auch auf dem Gebiete der deuts chen Gram- matik, auf dem erfahrungsgemäss bis in die neueste Zeit hinein jeder junge Lehrer mehr oder weniger auf Probieren und Experimentieren angewiesen war, allmählich eine feste me- thodische Basis gefunden werde. enn wir hinzufügen, duass die im folgenden besprochene Behandlungsweise von uns seit mehreren Jahren mit Erfolg geübt wurde, so glauben wir einer vorurteilsfreien Prüfung derselben ruhig entgegensehen zu dürfen.
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II. Praktischer Teil.
Ehe wir von der eigentlichen Behandlung des grammatischen Stoffes in besonders da- für bestimmten Stunden sprechen, seien wenige Worte gesagt über eine vielfach aufgestellte Forderung: dass nämlich jeder Unterricht mehr oder weniger auch Unterricht im Deutschen sei. Wer wollte diesem Satze ernstlich widersprechen? Nur das muss energisch zurückge- wiesen werden, dass nach der Zustimmung zu diesem Satze ein besonderer grammatischer Unterricht unnötig oder gar verwerflich sei. Fassen wir aber alles das, wodurch der gram- matische Unterricht durch die übrigen Disziplinen gefördert werden kann und auch gefördert werden muss, zusammen, so dürfte wohl folgendes als Hauptsache zu betrachten sein. Zu- nächst muss bei den mannigfachen Flexionsübungen, den schriftlichen nicht minder, wie den mündlichen, zumeist in den unteren Klassen, stets die deutsche Form mitgeschrieben und deutlich gesprochen werden. Besonders ist das letztere nicht eindringlich genug zu fordern. Auch im Chor sind die betreffenden Deklinations- oder Konjugationsbeispiele, und zwar mit scharfer Hervorhebung der Endsilben, zu sprechen. Dies muss vorzüglich in den Gegenden ge- schehen, in denen die volkstümliche Aussprache dazu neigt, die Endsilben abzuschleifen oder zu unterdrücken, wie in:„Ich hab' ein' Mann geseh'n; die Sorge Sorgen u. ähnl.“ Aber auch in den nicht sprachlichen Unterrichtsstunden ist stets auf deutliche Aussprache zu achten, und es darf dem Schüler kein derartiger Verstoss nachgesehen werden. Besonders in den Religions- und Geschichtsstunden muss der Lehrer beim Aufsagen oder beim Referieren stets auf wohl- gepflegten Ausdruck sehen und eine nachlässige Aussprache unaufhörlich verbessern. Denn nur in diesem Falle kann der Unterricht an den deutschen Schulen wirklich ein deutscher genannt werden.
Auch beim Übersetzen aus den fremden Sprachen soll der Lehrer es nicht unterlassen, wenn auch nur mit einem Worte, auf entsprechende Erscheinungen des deutschen Sprachge- brauches aufmerksam zu machen. So ist es z. B. von Wert, Liv. 24. 2, 3, bei dem Aus- drucke„abietis arboribus“ unseres völlig gleichen„Tannen-baum, Weidenbaum“ zu gedenken und damit die Bildung von„Eich-baum“ zu vergleichen. Auch der Lehrer der Religion wird bei vielen Liederstellen und Sprüchen nicht umhin können, eine kurze grammatische Bemerkung einzuflechten, wie z. B. bei dem Lutherischen:„Ein' gute Wehr und Waffen“ oder bei dem Spruche:„Der Glaube, wenn er nicht Werke hat, ist er tot an ihm selber.“ Denn sonst kann an ein lebendiges Verständnis nicht gedacht werden..
Wir kommen nunmehr zu dem besonderen grammatischen Unterrichte. Dieser ist nach zwei Seiten zu betrachten; denn er ist erstens: ein unmittelbarer und zweitens: ein mittelbarer. Der unmittelbare grammatische Unterricht, den wir auch den eigentlichen nennen könnten, wird nun aber in dreifacher Weise praktisch erteilt: 1) durch Satzbildungen und Satzerweiterungen, an die sich die übrigen grammatischen Erscheinungen anknüpfen; 2) durch Musterbeispiele aus der Lektüre, durch Sentenzen und Sprichwörter, besonders auch zur Repetition; 3) durch Satz- und Wortanalysen, im Anschluss an prosaische Lesestücke. In den folgenden drei entsprechenden Kapiteln behandeln wir nun unsere praktischen Ubungen auf diesem Gebiete.


