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Prinzessin gehörigen Diamant verschluckt, um nicht entdeckt zu werden, den er dann aber auf natürlichem Wege wieder hergeben muss. Das Stück beweist, dass Hebbel die frische Laune und der sprudelnde Witz fehlt, ohne den wir Modernen uns nun einmal eine Komödie nicht denken können.
1843 erschien sodann„Maria Magdalena“. Der Tischlermeister Anton hat eine Tochter, Klara. Diese hatte früher ein Verhältnis zu einem Sekretär, von welcher Verbindung der Vater nichts wissen wollte. Leonhard, ihr zweiter Geliebter. der den Sekretär mit brennender Eifersucht verfolgt, zwingt Klara, ihm zu Willen zu sein: denn er spekuliert auf Meister Antons gesparte tausend Taler; auch hat er sich durch allerlei Kniffe eine Kasiererstelle zu verschaffen gewusst. Als er aber hört, dass das Geld verloren ist, und als Klaras Bruder Karl wegen Diebstahls verhaftet wird,(wobei übrigens die brave Mutter, vom Schlage getroffen, stirbt), verlässt er sie. Klara sieht dem Mutterglücke bangend entgegen. Da nun ihr Vater einst geschworen hat, er werde eine Sünde seiner Tochter nicht überleben, sucht sie ihren Geliebten zu überreden, sie zu heiraten. Der Treu- lose weigert sich. Der frühere Geliebte, empört über diese Schlechtigkeit, duelliert sich mit ihm. Klara, von allen verlassen, springt in einen Brunnen im Hofe ihres Hauses. Meister Anton ruft aus:„Ich verstehe die Welt nicht mehrs.— Das Stück ist eine bürger- liche oder, wenn man will, eine soziale Tr agödie. Es ist teilweise wirksamer, als Kabale und Liebe und Emilia Galotti. Es erinnert vielfach an den späteren Ibsen. Es ist in gewissem Sinne das Urbild der späteren modernen Dramen eines Sudermann und eines Hauptmann. Die Sprache ist die der kleinen Leute. Die Situationen sind packend gezeichnet.
Das Drama ist aber noch in andrer Beziehung hochinteressant. Zeichnet uns doch der Dichter ohne Zweifel in dem derben, trotzigen und eisenharten Meister Anton seinen eigenen Vater; in dem ganzen Stücke beobachten wir auf Schritt und Tritt gleichsam die Lebensluft, die er als Knabe in seinem Vaterhause atmete.— Endlich wollen wir den kunst- vollen Aufbau der Handlung nicht unerwähnt lassen.
Nun trat ein Wendepunkt im Leben des Dramatikers ein, dem wir unsere Aufmerk- samkeit widmen müssen. Wir haben oben gesehen, wie sich sein Verhältnis zu Elise Hen- sing immer kritischer gestaltet hatte. An eine Verheiratung war aus mehreren Gründen nicht zu denken. Ja man kann kühnlich sagen, dass eine weitere Andauer jener Zustände unabwendbar den physischen und geistigen Zusammenbruch des Dichters herbeigeführt hätte. Da trat, als er im November 1845 von seiner Romreise fieberkrank und zerschlagen in Wien angekommen war, eine kritische Wendung in seinem Leben ein, von der ab der Dichter nunmehr in ruhigere Lebensbahnen einmündete und seinen Geist in harmonischer Weise entfalten konnte. Durch den Burgtheaterschauspieler Anschütz lernte er dessen Kollegin Christine Enghaus kennen, die er sofort liebte und später mehr und mehr verehrte. Die Heirat fand im Mai des folgenden Jahres statt. Sie spielte die Judith nach dem über- einstimmenden Urteil der Zeitgenossen in unübertroffener Weise und war ihm eine wesens- und geistesverwandte Lebensgefärtin, die seine Reizbarkeit mit heroischer Geduld ertrug und ihm ein schönes Heim schuf. Elise Hensing zog bald nach Wien und verlebte im Hause des glücklichen Paares ein ganzes Jahr, während welcher Zeit sie, hauptsächlich in-


