In seinem Tagebuch sagt Hebbel:„Die Alten durchwandelten mit der Fackel der Poesie das Labyrinth des Schicksals; wir Neueren suchen die Menschennatur, in welcher Gestalt oder Verzerrung sie uns auch entgegen trete, auf gewisse ewige und unveränder- liche Grundzüge zurückzuführens.— Der Mensch also mit seinen leidenschaftlichen In- stinkten und Regungen, das Verhüältnis der beiden Geschlechter zu einander. Liebe, Eifer- sucht, Neid. sie alle sollen natürlich und ohne Schminke dargestellt werden. In seinen ersten Dramen offenbart er sich als Stürmer und Dränger. sie sind grossartige Kundge- bungen des schrankenlosen Realismus. Manches in ihnen erinnert an Shakespeare.—
Das erste Drama, das mit einem Schlage Hebbels Namen in aller Gebildeten Munde brachte, war„Judithe. Die bekannte Bethulierin befreit ihr unglückliches Volk von dem gewaltigen Eroberer und Wüterich Holofernes. Das Stück wurde 1840 in Berlin und dann auch in Hamburg aukfgeführt. In der ersten Zeit wurden viele Kürzungen vor- genommen, namentlich im letzten Akte, in den allerdings teilweise recht bedenklichen Szenen. wo gliühende und zügellose Sinnlichkeit mit krüftigen Strichen gezeichnet wird. Das Werk zündete, und wir persönlich müssen in Erinnerung an eine glänzende Aufführung sagen. dass wohl in keinem andren Drama Hebbels mehr sieghaft auftretender Realismus und straffere Charakteristik zu finden ist. Grossartig ferner sind die Typen des israelitischen Volkes gezeichnet. Man hat gelegentlich gemeint, der Dichter habe in Holofernes und Ju- dith Nietzsche'sche Ubermenschen schaffen wollen. In gewissem Sinne gilt dies von Holo- fernes. Wir möchten ihn als den Vertreter der brutalen Sinnlichkeit bezeichnen. In Judith sehen wir das orientalische Weib, in dessen Herzen ein Widerstreit zwischen Idealismus und Sinnlichkeit zu peobachten ist, um einen Ausspruch des Dichters selbst zu um- schreiben. An einer Stelle seiner Tagebücher sagt übrigens Hebbel:„Judith ist der schwindelnde Gipfelpunkt des Judentums, jenes Volkes, welches mit der Gottheit in persön- licher Beziehung zu stehen glaubte. Holofernes ist das sich überstürzende Heiden-
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Das zweite Werk dieser ersten Periode ist„Genoveva“. Wenn es auch weniger äusseren Erfolg hatte, als die blendende Judith, so müssen wir Aennoch denen Recht geben, die, wie Emil Kuh und Bartels, es für poetisch reifer und schömer halten, als das Erstlings- drama. Die wunderbare Stimmung des Mittelalters, der Zauber der Waldeinsamkeit, die engelhafte Unschuld und Reinheit der Gemahlin Siegfrieds, der sinnliche Golo, die Hexe Margarete: alles ist von einem unsagbaren, poetischen Zauber übergossen, so dass wir un- widerstehlich gefangen sind. Hebbel sagt:„Die Idee ist die christliche: die Sühnung durch Heilige“. Genoveva ist diese Heilige. Golo opfert sich schliesslich als der Schuldige, indem er sich blendet. Haben doch seine Augen, die ihn die entzückend schöne Genoveva schauen liessen, ihn zum Sünder gemacht. Das Stück feiert aber vor allem die höchste Tugend des Weibes: die sittliche Reinheit und Treue. Dass Einzelnes, wie beispielsweise die Selbst- bekenntnisse Golos, zu preit ausgeführt ist, wollen wir nicht verkennen. Anderes dagegen, vor allem die Abschiedsszenen zwischen Siegfried und Genovevi. gehört entschieden zum Schönsten, was die gesamte Wfeltliteratur darbietet,
Zwischen diesem und dem dritten Meisterdrama wollen wir kurz erwähnen das Lustspiel„Der Diamantr, das die Geschichte von dem Juden behandelt, der den der


