Aufsatz 
Friedrich Hebbel, ein Vorkämpfer für das neuere deutsche Drama.
(Nach einem Vortrage.)
Entstehung
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zeichnungen und Selbsthekenntnisse in seinen Tagebüchern zu lesen. Wie rang der Dichter. der sich nunmehr selbst erkannt hatte und von seiner Bestimmung zum Dichter überzeugt war. dabei aber selbst am besten wusste. dass er einen gewaltigen Kampf bis zu seiner Läuterung durchzukämpfen habe. die ihm sich entgegenstellenden Hindernisse nieder! Am 12. Dez. 1838 schrieb er an Elise:Ich bin entschlossen, zehnmal lieber mich selbst, als die Wahrheit zu opfernr. So traurig übrigens sein Aufenthalt in der Isarstadt war. so gross waren die Fortschritte auf dichterischem Gebiete. Wenn wir auch nur vom Dramatiker Hebbel sprechen wollen, so müssen wir doch auf seine Erzählungen, wieBarbier Zitter- lein undSchmock schon aus dem Grunde aufmerksam machen, weil in ihnen sich bereits der ans Barocke des Jean Paul sStreifende Stil offenbart. Auch der künftige Dra- matiker zeigt sich schon in der scharfen Analyse seelischer Regungen und Konflikte, wie wir sie bei dem geistigen Ringen in seinen Selbstbekenntnissen aus jener Zeit so reich-

lich beobachten können.

Endlich, im März 1839. verliess er die bayerische Residenz und wanderte zu Fuss ſiber die schneebedeckten Höhen des Thüringer Waldes, durch die einsame Lüneburger Heide, fast aller Mittel bar. nach Hamburg. Waren schon die drei Jahre in München fürchterlich gewesen. so begann jetzt für ihn eine Zeit der tragischsten Seelenkämpfe.

Elise, die unsren Dichter so aufopferungsvoll unterstützt hatte, wollte ihn immer enger an sich ketten, sie wollte und konnte nicht begreifen, dass das Verhältnis zwischen ihnen nur auf Achtung und Freundschaft gegründet sein könne. Sie verlangte mehr. Wer wollte mit ihr rechten? Durch alle diese Wirrnisse und wohl auch durch Selbstanklagen geriet der Dichter bald in eine solche Aufregung und Seelenstimmung, dass er in seiner ſiberreizten Phantasie sogar an das bevorstehende Ende aller Dinge glaubte. Er fühlte mehr als je. dass ein gründlicher Umschwung in seinem Leben eintreten müsse, wenn er

nicht untergehen wollte.

So fasste er sich ein Herz und reiste im November 1842 nach Kopenhagen, um bei seinem Landesherrn. König Christian VIII., die Verleihung eines Reisestipendiums durch-

Zzusetzen.

Der Dichter Oehlenschläger stand ihm in dieser Zeit treu zur Seite. Auch den berühmten Thorwaldsen lernte er kennen und bewahrte ihm über den Tod hinaus seine Verehrung. Es begann nun für ihn, von 184245, eine Zeit der Wanderung. Paris regte ihn mächtig an. weniger Rom. Denn er war zu wenig mit der Altertumswissenschaft ver- traut, und seine Aufmerksamkeit war überhaupt immer in erster Linie auf das moderne, leidenschaftlich bewegte Leben gerichtet. In Italien lernte er ausser dem bekannten Maler Gurlitt auch einengewissen Holsteiner. Theodor Mommsen, kennen,(wie Hebbel sagt) der ihn lange überleben sollte.

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An dieser Stelle sei es uns vergönnt, einen kurzen Blick auf seine Jugenddra- men zu werfen. Er suchte eine Vermittlung zwischen dem antiken und dem modernen Drama, über Shakespeare hinausgehend, zu finden. Er wollte nicht bloss durch Charakte- ristik der handelnden Personen Wirkungen erzielen, sondern es sollten auch die Tdeen als solche, besonders die sozialen Ideen der Gegenwart, dramatisch wirken.