Aufsatz 
Friedrich Hebbel, ein Vorkämpfer für das neuere deutsche Drama.
(Nach einem Vortrage.)
Entstehung
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In den siebziger Jahren folgten dann die Dramen eines Paul Lindau, besonders das oft gegebeneEin Erfolg, eines von Schweitzer und die vielen, heute noch gern gelesenen Lustspiele und Schwänke des erst kürzlich verstorbenenvon Moser-. Ios fehlte aber an markigen Gestalten, an scharfer Beobachtung des realen, modernen Le- bens mit seinen sozialen Kämpfen, mit seinen schroffen Gegensätzen, mit seinen, wenn auch oft abschreckenden, so doch immer gewaltigen, sittlichen Erscheinungen. Da ging es denn in unserer Literatur, wie schon so oft. Statt bei uns selbst, in unsrer eignen Schatzkammer Umschan zu halten. richteten die Jungen und Jüngsten unter den Dramatikern den Blick nach aussen, in die Fremde, nach Westen, nach Paris, und nach dem Norden, nach Nor- wegen. Zola und Ibsen waren ihre Leitsterne. Bei diesen beiden und bei ihren Genossen gingen Sudermann, Hauptmann u. a. in die Schule. Erst seit etwa zwölf Jahren. ganz besonders aber in der letzten Zeit, unter andrem hauptsächlich infolge der Bemühungen eines Krumm., eines Bartels, Specht und andrer Literarhistoriker besann man sich endlich darauf, dass für den dramatischen Realismus der Deutsche selbst einen tüchtigen Vorkämpfer und kühnen Bahnbrecher besitzt: Friedrich Hebbel. Zwar hat unser Dichter auch herrliche lyrische Gedichte verfasst. Diese sollen uns indessen heute nicht beschäftigen. Den Dramatiker Hebbel in aller Kürze zu peleuchten, zu zeigen, wie er ein Vorläufer unseres modernen Deutschen Dramas und ein Leitstern für das zu erhoffende klassische Drama der Zukunft genannt werden muss, dies möge unsere bescheidene Auf- gabe sein.

Wenn es aber bei gewaltigen Männern immer von Interesse ist, zu erfahren, unter welchen Verhältnissen sie gelebt und gestrebt haben, so ist es bei unserem Dichter geradezu notwendig. seinen Lebensgang zu beleuchten. Denn bei ihm gilt vor allem das Wort:Die Verhältnisse bilden den Mann.

Geboren am 18. März 1813 zu Wesselburen in Norderdithmarschen, als Sohn des Maurertagelöhners Klaus Hebbel aus Meldorf, verlebte der Dichter eine trostlose Jugend. In seiner SelbstbiographieMeine Kindheit», vor allem aber in seinen Tagebüchern, dieser Fundgrube origineller Gedanken und einer Selbstschau sondergleichen, spricht er sich über seine Eltern aus. Sein Vater war ein harter, ungebildeter Mann; er nannte seine beiden Knabenseine Wölfe, die ihm alles wegassen.Die Armut hatte die Stelle seiner Seele eingenommen, so spricht sich Hebbel in drastischer Weise über ihn aus. Anders die Mutter; wie bei so vielen grossen Männern, war sie auch bei ihm der Schutzengel. Sie liess, ein glänzendes Beispiel eines Frauenmartyriums, lieber alle Härte und Grausamkeit des Mannes über sich ergehen, als dass sie den lieben Sohn hätte leiden und darben lassen. Nach diesen kurzen Ausführungen werden wir uns nicht wundern, wenn wir hören, dass der Dichter zeitlebens eine herbe, gereizte, zur Schwermut neigende Natur war, der ge- legentlich eine gewisse Aengstlichkeit und Unbeholfenheit anhaftete.

Den ersten Unterricht erhielt er in einer sogenanntenKlippschule. In seiner selbsthiographischen SkizzeMeine Kindheite spricht er von seiner Lehrerin Susanne, von ihrer riesigen Gestalt; sie hatte stets eine Tonpfeife im Munde und vor sich eine Tasse Tee.