Aufsatz 
Beobachtungen über den homerischen Sprachgebrauch : 2. Teil. Das Participium in den homerischen Gedichten
Entstehung
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entfaltet, und wir sehen ihn mit einer Feinheit und Freiheit jedem Bedürfniss des Gedankens angepasst, die in keiner Beziehung dem gebildetsten Ausdruck der attischen Prosa nach- steht. Es ist nicht unsere Absicht, die Ergebnisse unserer Prüfung, welche alle einzelnen Fälle 7 bis S Tausend in beiden Gedichten in Betracht gezogen und nach Form, Be- deutung und Wirkung im Satze gesondert hat, an dieser Stelle mitzutheilen, sondern dem Zwecke gemäss, den wir uns bei unseren Beobachtungen vorgesteckt, werden wir im Folgenden nur diejenigen Punkte hervorheben, in welchen der homerische Gebrauch des Participiums seine Eigenthümlichkeiten aufweist, deren Beachtung um so anziehender ist, je mehr sie entweder in dem Festhalten der später verschwundenen, oder in dem ersten Versuche später allgemein gewordener Ausdrucksweisen bestehen. Wir legen der An- ordnung des Stoffes, die wir zu befolgen gedenken, eine Bemerkung zu Grunde, welche überhaupt für das Wesen des Participiums nicht ohne Interesse ist: das Participium ist war seiner Natur nach die einfachste Umbildung des Verbums zum Nomen: aber seine Wirksamkeit und Anwendbarkeit zur Nachbildung des lebendigen Gedankens ist um so grösser, je weniger die Umwandlung zum Nomen zur vollständigen Ausführung ge- langt ist; oder mit andern Worten: seine innere Verwandtschaft zum Nomen steht im um- gekehrten Verhältnisse seiner Einwirkung auf die Satzgliederung: je weniger das Partici- pium in dem Charakter des Nomens, dessen Merkmale es in seinen Endungen au sich trägt, aufgeht, desto mehr Freiheit und Beweglichkeit hat es sich für den Ausdruck des sich ent- wickelnden Gedankens bewahrt. Es scheint, als ob die griechische Sprache dies eigen- thümliche Verhältniss des Participiums zur Natur des Nomens auch darin anerkannt habe, dass sie zwar die sämmtlichen Endungen desselben(-,-as,-SſS,-s,- νοs u. S. w.) den nominalen im Wesentlichen völlig entsprechend gebildet, doch aber für jede eine Besonder- heit bewahrt hat, welche es vom eigentlichen Adjectivum unterscheidet. Dieser Auffassung gemäss wollen wir die nachfolgenden Bemerkungen 1. an die wenigen Participia an- knüpfen, welche ihre verbale Natur völlig aufgegeben haben und zu Substantiven ge- worden sind; 2. aus dem adjectivischen oder attributiven Gebrauche der Participia die bemerkenswerthesten Erscheinungen hervorheben, und 3. eine Uebersicht des bei weitem umfassenderen Gebietes nehmen, auf welchem das Participium, dem Prädicate des Satzes angehörig, auf mannigfache Weise die Structur des Satzes belebt, bis zu der Gränze hin, wo es auch von dieser Abhängigkeit sich lösend den Versuch macht, sich in dem absoluten Gebrauch eine neue Selbständigkeit zu gewinnen. Die beiden ersten Theile gedenken wir in unserer diesmaligen Besprechung abzuhandeln, den dritten einer folgen- den vorzubehalten.

1. Der Uebergang vom Begriff des Verbums zu der nominalen Bedeutung macht so sehr das Wesen des Participiums aus, dass es wohl in keiner Sprache an Beispielen fehlen wird, in denen sich die letztere zu so entschiedenem Uebergewicht vorgedrängt und fixirt hat, dass nur noch der Charakter des Substantivs darin empfunden wird; vgl. unser Freund,