Aufsatz 
Beobachtungen über den homerischen Sprachgebrauch : 2. Teil. Das Participium in den homerischen Gedichten
Entstehung
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nicht nur die beiden einfachen Participien aufs freieste als Theile des Prädicats benutzen (le roi arrivant s'assit, the king arriving sat down); sondern auch gerade in der prädica- tiven Verwendung aus der leichten Verbindung mehrerer den reichsten Gewinn ziehen (aimant, ayant aimé, gtant aimé, ayant été aimé; loving, having loved, being loved und having been loved). Wir brauchen nur diese und ähnliche Participialstructuren, für die es uns an den entsprechenden Formen keineswegs fehlt, wörtlich zu übersetzen um einen grossen Mangel nicht unserer Sprache, wohl aber ihres ausgebildeten Gebrauchs lebhaft zu empfinden. Der Ueberblick desjenigen, was auf dem Gebiete des deutschen Participiums wirklich Zur prädicativen d. h. satzbildenden Verwendung gekommen ist (bei Grimm IV S. 578. 79. und S. 893 919.), weist am deutlichsten die engen Gränzen nach, welche wir in dieser Hinsicht nicht zu äberschreiten gewagt haben. Ja selbst in den von Grimm S. 908. IX. aufgezählten Fällen eines absoluten Gebrauchs deutscher Participien (Kklingendes(n) Spiels, eilendes(n) Schrittes, verhängtes(n) Zügels, gesenktes(n) Hauptes) sind genau betrachtet die Participia ihrem Nomen nur attributiv untergeordnet, und das Eigenthümliche dieser Redeweise liegt in dem abso- luten Gebrauch des Genitivs überhaupt, wie denn ja auch Adjective sehr wohl die Stelle jener Participien vertreten können: festes(n) Schrittes, offnes(n) Auges, fin- steres(n) Blickes, demüthiges(n) Herzens. Mit Recht aber führt Grimm selbst die unter IX. 3. verzeichneten Beispiele absoluter Participial-Accusative(dies gesagt, kaum geredet das Wort, die Augen gen Himmel gerichtet, die Hände empor gehoben) S. 916. auf eine Einwirkung aus den romanischen Sprachen zurück, wozu bei einigen Schriftstellern, namentlich bei Voss, aus dem die angeführten Stellen num Theil entlehnt sind, geradezu eine Nachahmung des verwandten Gebrauchs in den alten Sprachen hinzuzurechnen sein wird.

Wir haben diese allgemeinen Bemerkungen vorausgeschickt, um überhaupt auf die vorwiegende Befähigung des Participiums, in das Satzgebilde gestaltend einzuwirken, hin- zuweisen, insbesondere aber um aus dem Vorrang, welchen die griechische Sprache in dieser Hinsicht vor allen genannten einnimmt, die Begründung herzuleiten, wesshalb wir auch in der Beobachtung des homerischen Sprachgebrauchs vor dem Uebergange zur regelmässigen periode dem Participium eine nähere Aufmerksamkeit zuwenden. Eine vollständige und jede einzelne Erscheinung prüfende Durchmusterung des participialen Sprachgebrauchs in beiden grossen homerischen Gedichten zeigt auch in diesem Betracht die Sprache des alten Dichters nicht etwa ärmer und unbeholfener, als die der späteren Zeiten, sondern bestätigt nur in umfassendster Weise, was wir S. 4 des ersten Theils unserer Beobachtungen bemerkten:wie staunenswerth ihre Fähigkeit ist, den mannig- faltigsten Wendungen und Schwingungen des Denkens und Empfindens durch die Fügung und Verbindung des Wortes nachzugehen. Wir ſinden den ganzen Reichthum an Formen, welchen die griechische Sprache im Participium entwickelt hat, in der homerischen Poesie