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ten Gebrauch der Participia begründet ist, und dass dieser wieder theils von der reichsten Entwickelung ihrer Formen, theils von dem freiesten Spielraum in ihrer Anwendung ab- hängt. Schon eine oberflächliche Betrachtung zeigt, dass in beiden Beziehungen die grie- chische Sprache einen sehr hohen Rang einnimmt. Denn einerseits hat sie die vollstän- digste Durchbildung der Form des Participiums gewonnen, in der sie sowohl für jedes Haupttempus, wie für die verschiedenen Modificationen der Vergangenheit sich die deut- lichste Bezeichnung ausgeprägt hat, anderntheils aber auch für diesen grossen Formen- reichthum sich die freieste und mannigfaltigste Benutzung, so gut im attributiven, wie im prädicativen Gebrauch, zu erhalten gewusst. Die lateinische Sprache steht der griechischen schon in beiden Rücksichten nach: sie entbehrt im Activum die Form der Vergangenheit, im Passivum die der Gegenwart; und das Participium fut. pass.(das sogenannte Gerun- divum) ist nicht reiner Ausdruck des Zeitverhältnisses geblieben. Noch weniger hat der Sprachgebrauch selbst von den vorhandenen Formen eine so leichte und glückliche Anwen- dung gemacht, wie im Griechischen, da die Benutzung verschiedener Participia sich auf gewisse Gränzen beschränkt, von denen das Griechische nichts weiss. Die neuern Spra- chen, die germanischen sowohl wie die romanischen, haben insgesamt eine noch grössere Formverkümmerung erlitten, da sie genau genommen auf ein Participium activi, des Prä- sens, und auf eins des Passivs, des Perfectum, beschränkt sind ³). In der Benutzung die- ser Formen findet aber ein grosser Unterschied statt, der sich leider entschieden zum Nach- theil der deutschen Sprache herausstellt. Von dem wichtigsten Einfluss nämlich auf den Umfang, den der Gebrauch der Participia in einer Sprache gewinnt, ist es, ob sie in der adjectivischen(attributiven) Sphäre, der sie ihrer Form nach angehören, stehen blei- ben, d. h. sich nur auf die unmittelbare Verbindung mit dem Substantivum beschränken und diesem eine Bestimmung hinzufügen(der glimmende Docht, das zerstossene Rohr, die reizende Landschaft, die verwüstete Gegend), oder ob sie in das weite Gebiet der prädicativen Satzbildung hinaustreten und in ihre Gliederung selb- stündig eingreifen. Wir haben es zu beklagen, können es aber nicht in Abrede stellen und noch weniger durch künstliche Neuerungen ersetzen wollen, dass unsere Sprache sich bis auf wenige Wendungen, die grösstentheils dem dichterischen oder höheren Sprachge- brauch angehören, fast gänzlich der prädicativen d. h. der für den Bau und das innere Leben des Satzes bei weitem wichtigsten Anwendung der Participia begeben hat, während die romanischen Sprachen und das Englische—(selbst das Holländische und das Dänische hat sich hier eine viel grössere Freiheit bewahrt, als das Deutsche)— gerade auf diesem Gebiete den glücklichsten und umfassendsten Gebrauch davon gemacht haben, indem sie
²) Unser scheinbares part. fut. pass.(eine zu lôsende Aufgabe, eine zu beantwortende Frage) ist vielmehr die Declination eines eigenthümlichen Infinitivs(vgl. Grimm, D. Gr. IV. S. 60. 61); von den zusammengesetzten Participien andrer Sprachen wird gleich die Rede sein.


