Aufsatz 
Beobachtungen über den homerischen Sprachgebrauch : 2. Teil. Das Participium in den homerischen Gedichten
Entstehung
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erhalten, als das sogenannte Participium. Weist uns die historische, wie die philosophi- sche Sprachforschung in dem Verbum, dem Ausdruck der Thätigkeit und des Zustandes im umfassendsten Sinne, die einfachsten Stämme, den letzten dem Verstande fasslichen Ursprung der Sprache nach, so hat aus ihm die nie ruhende Arbeit des Geistes, indem die Natur und das Leben ihr stets neuen Stoff zuführte, die unendliche Fülle der Bezeichnungen für die Dinge, für die Personen und ihre Verhältnisse im Nomen, und wieder für die neu sich ergebenden Zustände und Handlungen dieser den unübersehlichen Reichthum der abge- leiteten Verba geschaffen. Aber wie reich und mannigfaltig auch in den gebildeten Spra- chen die Mittel zu weiterer Entwicklung neuer Formen sind, welche in frischer Kraft noch fortwirken, so lagern sich doch im Wesentlichen, wenn wir hier von den Bindegliedern absehen, die sich auf formelle Functionen beschränken, die alten oder neuen Erzeugnisse der Begriffsbildung in den beiden grossen Massen der Verba und der Nomina ab: jedes wahre Begriffswort auch das Adverbium, wenn wir es in seiner eigentlichen Substanz erfassen fällt der einen oder der anderen dieser beiden Kategorien zu: so nahe auch ein abgeleitetes Nomen(Lehrer, doctor, 66dνααααοο) seinem Verbalstamme steht: mit der Annahme der Nominalform hat es seiner verbalen Natur völlig entsagt, und kann nur erst durch Hülfe anderer Verba zu dem Ausdrucke eines Zustandes oder einer Thätigkeit gelangen; und eben so hat das abgeleitete Verbum als solches(herschen, dominari, ααeᷣνεαν) jeden Antheil an der selbständigen Natur des zu Grunde liegenden Nomens aufgegeben. Das einzige Gebilde der Sprache welches in sich die Natur beider, des Verbums und des Nomens, wahrhaft vereinigt, und eben darum eine nur ihm eigenthümliche Fülle der Bedeutsamkeit besitzt, ist das Participium ²). Es bildet gleichsam die bewegliche Brücke zwischen diesen beiden wichtigsten Redetheilen, und je mehr es von den Eigenthümlichkeiten des Verbums, von dem es ausgeht, in den neuen nominalen Charakter, welchen es annimmt, hinüberträgt, um so vielseitiger und kräftiger ist seine Wirkung für den der lebendigen Entwickelung selbst abgelauschten Ausdruck des Gedankens. Es darf mit Recht behauptet werden, dass ein sehr bedeutender Vorzug einer Sprache in dem möglichst unverkümmer-

²) Leider entzieht sich die früheste Beobachtung und Benennung dieser Sprachform unsrer Kunde. Bei Dionysius Thrax Gramm. 13. und 19. erscheint der griechische Name urror, bei Varro L. L. IX. 32. der lateinische Name participium zuerst; bei beiden als schon im Gebrauche herkömmlich. Aus Priscian XI. p. 909 ersehen wir, dass über die Stellung des Participiums im grammatischen System zwischen den grammatischen Schulen eine Differenz nerrschte. Die Stoiker zogen es zum Verbum; Andere, die er nicht nennt, aber billigt, sahen es als eigenen Redetheil an. Dass Aristarch, dessen Schüler Dionysius diesen Weg befolgt, der Führer der letzteren gewesen, ist wahrscheinlich, aber nicht zu beweisen. Vgl. Lersch, die Sprachphilosophie der Alten. II. S. 61. 62. Die ungeschickte Bildung des Namens urroxg, in welchem theils die Form des Abstractums, theils der rein formale Charakter viel weniger befriedigt, als in den meisten andern griechischen Terminologien, scheint auf die Stoiker hinzuweisen, die auch sonst in ihren gram- matischen Erfindungen nicht glücklich waren.