Aufsatz 
Die Schriftstellerlektüre der Ober-Sekunda nach den Grundsätzen der Konzentration : 2. Teil / von August Ahlheim
Entstehung
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B. Poetische Lektüre.

Die Vergillektüre erscheint zur Konzentration besonders geeignet, da sie nach Form (Epos) und Inhalt(Schauplatz, bedeutsame Personen und bedeutsame sittliche Begriffe) zu Odyssee, deutscher Lektüre, Livius, Herodot, Geschichte und Geographie die mannigfaltigsten Beziehungen aufweist. In UII sind Teile aus dem 1. und dem 2. Buche gelesen. Hieran schliesst sich in OII ohne fühlbare Lücke im Gedankengang B. IV. Dieses Buch ist einerseits für die Zwecke der Konzentration unumgänglich notwendig, andrerseits sind aber manche Stellen darin, deren Lektüre Bedenken erregen könnte. Diese glauben wir jedoch, ohne dem Verständnis des Gesamtinhaltes zu schaden, durch folgende Auswahl beseitigen zu können:

1 109 die Liebe der Dido zu Aeneas veranlasst den Vermittlungsvorschlag der Juno bei Venus; v. 173 197 Fama berichtet Jarbas von den Liebenden; durch dessen Gebet v. 198 218 veranlasst lässt v. 219 279 Jupiter den Aeneas an seine Pflicht erinnern und zur Abfahrt auffordern; dieser gehorcht(pius!) v. 279295 und bleibt auch trotz wiederholter Bitten der Dido standhaft v. 331 361 und 437 449; die Verlassene verflucht den Aeneas und sein Volk und beschliesst zu sterben v. 584631.

Die genannten Partien bieten Gelegenheit zu reichlicher Pflege aller Interessen. ¹) So wird das empirische Interesse erregt durch die Betrachtung der beiden Schauplätze der Handlung, der auf ihnen auftretenden Personen und der durch den Flug des Hermes vom Himmel zur Erde hergestellten Vermittelung zwischen beiden. Die geographischen Kenntnisse werden erweitert durch die Beschreibung des Atlas. Diese dient auch zur Pflege des ästhetischen Interesses, ebenso wie die Gleichnisse(Pflege des Naturgefühls!), die Beschreibung der Fama und die Betrachtung des epischen Kunstmittels der schmückenden Beiwörter und des Umsetzens des Körperlichen in Handlung bei der Darstellung des Hermes. Noch reichere Pflege findet das spekulative Interesse durch den Vergleich der Naturschilderung des Vergil mit der Homers, durch Zusammenstellung von v. 238 ff. und Odyssee V, 43 ff. und Auffindung der hier zu Tage tretenden Selbständigkeit der Nachahmung ²), sowie durch die Aufdeckung der Motive der handelnden Personen(Juno-Hinterlist; Jupiter-Zwang des Fatums und Verpflichtung für ihm dargebrachte Opfer; Jarbas-Eifersucht; Aeneas-Pflichttreue). Hierher gehört auch die Beobach- tung des Wechsels der Empfindungen der Dido, in der anfangs die neue Liebe nur schüchtern gegen die alte ankämpft, durch Annas Worte zum vollen Ausdruck gelangt, dann vor dem Verlust des Geliebten zittert und endlich in masslose Rachsucht umschlägt. Zu gleicher Zeit ergreift uns Mitleid mit dem armen Spielball der Laune der Götter, unser sympathetisches Interesse wird erregt. Auf dieses wirkt auch der in Aeneas sich abspielende Seelenkampf zwischen Pflicht und Neigung. Dass er die Sehnsucht nach der alten Heimat(Heimats- und Vaterlandsgefühl!) bezwingt, die bequemen neuen Verhältnisse vertauscht mit der gefahrvollen Seefahrt, um die Zukunft seines Sohnes und Volkes zu sichern, dass also der einzelne sich

¹) Nur der Kürze des Ausdrucks und der Übersichtlichkeit der Anordnung zuliebe verwende ich diese Bezeichnungen. Denn sie sind mehrfach nicht beliebt. Aber wohl mit Unrecht, da ein regelmässiges Betonen der sämtlichen Interessen in jeder Unterrichtsstunde kein denkender Pädagoge auch nur wünschen kann, sondern nach Massgabe des Stoffes wird er die eine oder andere Saite des menschlichen Gefühlslebens stärker anschlagen. Wenn das der eine mit Erregung eines bestimmten Interesses, der andere anders bezeichnet, so ist die Sache dieselbe, und der Ausdruck, den man dafür braucht, ist so wenig von prinzipieller Bedeutung, dass man sich daran nicht stossen sollte.

²) Loos, Der österreichische Gymnasiallehrplan im Lichte der Konzentration, Wien 1892, S. 48 und Instructionen f. d. Unterricht an den Gymnasien in österreich, 3. Aufl. S. 80, Wien 1891.