Aufsatz 
Dr. Carl Kühner : (Direktor der Musterschule Dezember 1851 bis Ostern 1867) ; ein Lebensbild
Entstehung
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Es ließe ſich noch Manches aus dem reichen Inhalt dieſer Abhandlung anführen, dem nachzugehen wohl der Mühe werth wäre.

Aber Kühner erfuhr, daß es nicht leicht iſt, die Ideale rein in die Wirklichkeit umzuſetzen, zumal gewaltſames Durchgreifen nicht in ſeiner Natur lag. Er ſagt in Bezug hierauf im Saal⸗ felder Schulbericht von 1845, in welchem er von der Vereinfachung der Realſchule handelt:Ich bin kein Freund der ſturmlaufenden pädagogiſchen Ideale; ich weiß, daß ſie erſt die Convenienz des Lebens umſtürzen müßten, ehe ihnen die Convenienz der Schule wiche. Auch hier in Frankfurt als Director mußte er ſich noch zum Einwilligen in Einrichtungen verſtehen, welche er ausdrücklich in jenen Charakteriſtiken verwirft; wir finden in den Lectionsplänen der Muſterſchule kaufmänniſches Rechnen, Buchhaltung und facultative, franzöſiſche Converſation; auch nimmt man bei der Einrich⸗ tung einer oberſten Abtheilung der erſten Realſchulclaſſe(I A) erſt auf die zukünftigen Gewerbetrei⸗ benden mit vermehrten mathematiſchen Stunden, dann auf die zukünftigen Kaufleute mit franzöſiſcher und engliſcher Handelscorreſpondenz Rückſicht. Im Großen und Ganzen jedoch iſt Kühner nie ſeiner humaniſtiſchen Auffaſſung der Realſchule untreu geworden.

Das Programm von 1845 enthält übrigens manche fruchtbare Gedanken in Bezug auf die Herſtellung von Vereinfachung und Einheit im Schulplan. Es verlangt, daß aller Unterricht zugleich Sprachunterricht, aller Sprachunterricht zugleich Realunterricht ſei, wobei man ſich allerdings vor Uebertreibung in Acht nehmen müſſe; die deutſche Sprache iſt ihm formell der Hauptzweck alles Un⸗ terrichts, materiell der Hauptgegenſtand alles Unterrichts; die verſchiedenen Sprachen wünſcht Kühner einheitlich nach denſelben grammatiſchen Principien und in einer gewiſſen Parallelität behandelt zu ſehen; er glaubt, man ſolle nicht ſowohl alle Gegenſtände neben einander als in einer gewiſſen Reihen⸗ folge nach einander behandeln; verwirft das Fachſyſtem durchaus für die untern Claſſen u. ſ. w.

Dieſer ſo einſichtsvoll geführten und geſegneten Schulthätigkeit wurde Kühner durch die ehrenvolle Berufung als Hofprediger, Oberpfarrer und Superintendent der Saalfelder Diöceſe im Jahre 1846 entzogen zum großen Bedauern ſeiner Amtsgenoſſen, welche übrigens richtig ahnten, daß er den Gedanken an die Rückkehr zum Schulfache nicht ganz aufgeben werde. Wir können es uns nicht verſagen, um Kühner's Stellung in Saalfeld zu jener Zeit und die Verehrung, mit welcher ſeine Amtsgenoſſen an ihm hingen, deutlich zu zeigen, z. Th. den Bericht über jene Veränderung in Küh⸗ ner's amtlicher Stellung einzurücken, welchen wir in der allgemeinen Schulzeitung(1846 No. 162) finden. Es wird dort aus Sachſen⸗Meiningen geſchrieben: Profeſſor Dr. Kühner, bisher Rector der Realſchule, des Progymnaſiums und der Bürgerſchulen zu Saalfeld, iſt an des verſtorbenen Dr. theol. Lomler Stelle zum Superintendenten, Hofprediger und Oberpfarrer daſelbſt ernannt worden. Er hat das Saalfelder Schulweſen großentheils ſelbſt organiſirt und faſt zehn Jahre lang mit großer Liebe und Aufopferung geleitet; nur nach längerem Widerſtreben und, wie man meint, gegen ſeine eigentliche Berufsneigung hat er ſich von der Schule getrennt. Die Saalfelder Realſchule war die erſte Anſtalt dieſer Art in unſerm Lande; ſie hat ſich, obſchon in ihren Mitteln ſehr beſchränkt, zu einer blühenden Anſtalt(nach dem letzten Programm zählte ſie 104 Schüler in 5 Claſſen) her⸗ ausgebildet. Wie Kühner die Idee der Realſchule auffaßte, hat er in ſeiner Schriftdas Real⸗ ſchulweſen in Charakteriſtiken, in dem Oſterprogramm pro 1845 und in mehreren Aufſätzen in Zeit⸗ ſchriften dargelegt. Seine Studien gingen nicht ſowohl auf ein ſpecielles Unterrichtsfach der Real⸗ ſchule als auf allgemeine Pädagogik und Didaktik; ſeine Liebe dafür iſt zu tief begründet, als daß