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friedlichen Ausgleich aufgibt, und betrübt iſt, daß die Spaltung Deutſchlands auch mitten durch das Thüringer Land hindurch geht. Endlich ahnt er voraus, daß ſich die klaffende Wunde in Deutſchland wohl erſt dann ſchließen werde,„wenn das Schwert des Feindes an unſere Pforte pocht und die bittre Noth den Patriotismus zu gemeinſamer That aufſtachelt.“ Er hat es erlebt. Einige leichtere Arbeiten entſtanden in jener Hildburghauſener Zeit, wie das„Winterbüchlein von 1830 für uns und unſre Enkel.“ Ein Andenken an den Winter 1829 bis 1830 für alle Dorfzeitungsleſer und ſonſtige gute Freunde von Herrn Keſſelring*),— das im Tone des Hebel'ſchen Hausfreundes die Härte und die auffallenden Erſcheinungen aus der Natur⸗, der Thier⸗ und Menſchenwelt, aber auch die Freuden deſſelben und manchen freundlichen zum Herzen ſprechenden Zug ſchildert. Wir erfahren auch daraus, daß es damals in Leipzig Mode wurde,„daß die jungen Damen Schlittſchuh liefen mit den Herren um die Wette, was ſehr ſchön ausſah, worüber aber die Zeitungen ſehr ungalante Späße machten.“ Die Neigung anſprechende und rührende Züge aufzuſuchen und zu erzählen, die ſich in dieſem Schriftchen zeigt, hat Kühner immer behalten, und oft traten ihm ſelbſt die Thränen der Rührung dabei in die Augen, und ſeine Stimme verrieth die lebhafte Bewegung ſeines Gemüthes.
In ähnlicher populärer Weiſe iſt auch das Feſtbüchlein vom Jahre 1833 geſchrieben, dem ein„neuer beweglicher Feſtkalender für die Jahre 1834 bis 1900“ beigegeben war. Sinn und Ton deſſelben charakteriſiren ſich wohl am beſten aus der Anführung einiger einleitenden Worte:„Das Feſtbüchlein, lieber Leſer, kommt als ein ſtiller Feſt⸗ und Sonntagsgaſt zu Dir. Wenn Du wiſſen willſt, was Deine Sonn⸗ und Feſttage bedeuten, wie ihre Feier entſtanden iſt und woher ſie den Namen haben oder wenn Du fragſt, warum denn Oſterfeſt oder Himmelfahrt immer wieder auf einen andern Datum fällt, Weihnachten, Johannis und andere Feſte aber Jahr aus Jahr ein auf denſelben Datum,— dann will Dir dies Feſtbüchlein auf Alles kurze und freundliche Antwort geben. Denn es wäre nicht löblich, wenn der helle Feiertag zu Dir hereinſähe, wie ein Fremder, von dem Du den Namen kaum weißt, oder wenn die Glocken Dir riefen und Du verſtändeſt ihre Sprache nicht, deswegen will das Feſtbüchlein Dir alle Sonn⸗ und Feſttage deuten und kennen lehren und am Ende einen Kalender geben, der beweglich iſt, wie die Zeit, und nach welchem Du auf alle Jahre, die Du lebſt, Dir Deine Feiertage ſelbſt vorherbeſtimmen kannſt.— Wenn aber das Büchlein noch mehr thut, wenn es hilft, daß die heiligen Tage Dir lieber werden und für Dein Inneres zu heili⸗ genden Feſttagen, dann iſt es nicht ohne Segen geblieben und der Wunſch deſſen, der es ſchrieb, iſt reichlich erfüllt.“
In demſelben Jahre erwarb ſich Kühner den Grad eines Doctors der Philoſophie durch eine Diſſertation: Astronomiae et Astrologiae in doctrina Gnosticorum vestigia. Particula I Barde- sanis gnostici numina astralia. Er hat ſpäter dieſe Studien nicht weiter geführt, wenigſtens iſt es bei Particula I geblieben. Dieſes Jahr brachte ihm aber nicht nur die Doctorwürde, ſondern auch das Amt als Inſpector des Schullehrerſeminars, welches Nonne niederlegte.
So ſcheint es, habe Kühner Arbeit vollauf gehabt, aber er war noch außerdem einige Jahre bis zu ſeiner Ueberſiedelung nach Saalfeld als Unterredacteur der von Dr. Lomler herausge⸗ gebenen Predigerzeitung thätig. Zum Theil veranlaßte ihn zu ſo mannigfaltiger Thätigkeit ſein am
*) Keſſelring, Hofbuchhändler zu Hildburghauſen, verlegte die Dorfzeitung und mußte auch ſeinen Namen als Redacteur hergeben. Muſterſchule. 1873. 2


